«Das Schule war für mich ein befriedigendes Ressort»
Hans Stutz beendet nach 15 Jahren seine Aufgabe als Ressortleiter Bildung. Im Interview mit dem dorfblitz spricht er über seine Amtszeit, wie sich die Schule dieser Zeit verändert hat und was er nicht vermissen wird.
Hans Stutz: Nach 15 Jahren im Gemeinderat Bassersdorf und deren vier in der Rechnungsprüfungskommission haben Sie im Mai demissioniert. Ist es bei Ihnen tief innen drin schon angekommen?
In der Tat – ich habe es sehr schnell gemerkt, dass ich kein Behördenamt mehr bekleide: rund 60 Prozent weniger E-Mails im Posteingang und weniger Telefongespräche sind sehr gut spürbar. Ich habe wieder viel mehr Zeit für mich persönlich und geniesse es, auch mal nichts zu tun. Aber so richtig spürbar, wie stark man eingebunden war im Alltag, merkt man schon erst, wenn man es nicht mehr hat.
Schauen Sie mit Wohlwollen auf Ihre Tätigkeit zurück?
Definitiv – ich bereue es auf keinen Fall. Ich habe die Jahre als Leiter des Ressorts Bildung sehr gern bekleidet. Für mich war dies eine sehr befriedigende Arbeit und ich hätte kein anderes Ressort haben wollen.
Mittlerweile wird in vielen Schulen ein Leiter Bildung eingesetzt, so auch in Bassersdorf. Früher gab es viel weniger Stufen und Stellen. Wozu braucht es diese neue Stufen überhaupt?
Der Gedanke dahinter ist eine Professionalisierung des laufenden Schulbetriebes. Schule heisst nicht nur Unterrichten im Klassenzimmer, die strategischen Fragen in einer grossen Schule wie Bassersdorf sind zahlreich und die Fragen, mit denen wir als Laienbehörde konfrontiert sind, komplex, daher ist eine Professionalisierung durchaus zu begrüssen. Ich vergleiche es oft mit dem Kinder- und Erwachsenenschutz KESB: als man die KESB einführte, war sie stark umstritten und medial genauestens beobachtet. Man spricht heute immer von den zwei bis drei Prozent von Fällen, die nicht gut abgehandelt wurden. Jedoch vergisst man, dass diese Stelle auch vielen Personen in Not geholfen hat und zur Beruhigung ihrer Lebenssituation beigetragen hat. Diese Qualitätsverbesserung lässt man aussen vor, sie ist aber essenziell. So sehe ich es auch im Schulbereich: eine Stelle Leiter Bildung wird von einer Fachperson in schulischen Belangen bekleidet – eine Laienbehörde hat nicht immer zwingend eine Person mit im Gremium, die aus dem pädagogischen Bereich Erfahrung mitbringt. Das ist Teil unseres Milizsystems der Schweiz. Daher hat der Kanton diese Möglichkeit für eine zusätzliche Professionalisierung geschaffen – ich stehe hier voll und ganz dahinter.
Was hat sich am einschneidendsten geändert in den Jahren, in denen Sie Ressortleiter Bildung waren?
Die Anspruchshaltung der Eltern hat gegenüber meinen Anfängen in der Behörde deutlich zugenommen. Der frühere Status einer Lehrperson als eine Respektperson nehme ich nicht mehr so wahr. Mittlerweile kommt es öfter vor, dass Eltern die Klausuren ihrer Kinder in Deutsch oder Mathe durch einen Anwalt nachprüfen lassen. Die Schule hat viele neue Aufgaben erhalten, die sie nie gesucht hat und auch nicht machen müsste. Das ist dem gesellschaftlichen Wandel geschuldet. Beispielsweise das ganze Thema rund um die elektronischen Medien – es nimmt sehr viel Raum ein in der Schule. Beobachten Sie einmal in Ihrer Umgebung, wie viele Kinder mit einem iPad beruhigt werden. Muss man sich da wundern, dass elektronische Medien als Genussmittel verwendet werden? Das war vor 15 Jahren noch kein Thema.
Welche elementaren Aufgaben werden an die Schule delegiert?
Ein wichtiger Bereich ist das Vermitteln von Werten. Beispielsweise miteinander etwas zu unternehmen. Ich frage mich da schon manchmal, warum sich die Eltern fast mehr auf den Schulbeginn nach den Sommerferien freuen als die Kinder. Im gemeinsamen Tun und familiären Verbund könnte man so viele Werte vermitteln, was im Schulalltag helfen würde.
«Alle gesellschaftlichen Themen machen sich in der Schule klar bemerkbar und verlangen, dass wir uns damit auseinandersetzen. Eine Mammutaufgabe!»
Was sind solche Werte, die Ihnen wichtig sind?
Gemeinsame Regeln zu definieren – sie bewusst wahrnehmen und abgrenzen – und sie am Ende auch umsetzen. Das sehe ich als Basis für das Zusammenleben in einer Gruppe. Wir definieren dies auch an der Schule und ahnden Grenzübertritte danach. Zuerst mündlich und im Wiederholungsfall als schriftlicher Verweis. Reagieren die Eltern darauf genervt und akzeptieren ihn nicht, hilft dies auch im Zusammenleben in unserem Schulalltag nicht.
Werden solche Werte über verschiedenste Schuleinheiten festgelegt oder bestimmt jede selbst darüber?
Grundsätzlich ist man als Schule frei und bestimmt solche Werte und Normen gemeinsam. Wir haben Wert gelegt darauf, dass es in allen Schuleinheiten möglichst gleich gelebt wird. Hier ist die Rolle des Schulleiters eminent wichtig im Kosmos Schule. Sie sorgen für Ruhe in ihrer Schuleinheit und können mit ihrem Lehrerteam etwas bewirken. In Bassersdorf ist es uns gelungen, einen solchen Spirit aufzubauen. Da danke ich all meinen Kolleginnen und Kollegen dafür.
Wann spürt man diesen Team-Spirit besonders?
In schwierigen Zeiten wie während Corona hatten wir relativ wenig Unstimmigkeiten zu bewältigen. Wir haben eine gemeinsame Sprache gesprochen und es gemeinsam durchgezogen. Dabei blieben wir auch konsequent in unserer Haltung, was in der Erziehung wie auch im Schulbetrieb sehr entscheidend ist. Unsere Schulleitungen sind gut vernetzt und tauschen sich regelmässig aus. So können Verhaltenscodes und Richtlinien, die wir für die Schule Bassersdorf leben möchten, auch miteinander vereinbart und abgestimmt werden.
Mit vielen Streitigkeiten in anderen Schulen – was braucht es, damit eine Schule funktioniert?
Ein Schulbetrieb ist ein komplexes Miteinander und ist ein Dreieck: der operative Betrieb mit den Schulleitenden und der Lehrerschaft, der Schulbehörde als strategische Kraft und der Schulverwaltung für die organisatorische Ebene. Wenn alle miteinander klarkommen, dann funktioniert die Schule. Aus Sicht der Schülerinnen und Schüler sollte man das Organigramm umkehren: die Lehrerschaft ist am wichtigsten für den Schulbetrieb. Fehlt eine Lehrperson, geht nichts mehr, fällt jemand aus der strategischen Ebene oder in der Verwaltung aus, läuft es per se für eine gewisse Zeit weiter.
Wie ist die aktuelle Lage in der Schule Bassersdorf?
Bassersdorf ist in der glücklichen Lage, dass es in unserem Lehrerteam von rund 150 Personen gut bis sehr gut läuft. Aber wie in jedem grossen Team hat es auch in Bassersdorf Personen, die nicht am selben Strick ziehen wollen und wieder ausscheiden. Sind 80 Prozent der Personen aktiv mit dabei und teilen unsere Werte, dann sind wir gut dran. Sehr oft werden Lehrpersonen durch unsere bestehende Lehrerschaft angeworben.
Das Thema der Quereinsteiger wird heftig diskutiert. Wie stehen Sie dazu?
Generell müssen wir klar sagen: hätten wir im Kanton Zürich keine Quereinsteiger gehabt, hätten wir die Kinder nicht unterrichten können. So einfach ist es. Bassersdorf hatte einen Quereinsteiger, einen sogenannten Poldi – also eine Person ohne Lehrdiplom – im Fach Singen eingesetzt. Diese Person hatte Musik studiert und war dadurch bestens geeignet. Ich bin der Meinung, wenn eine Person Initiative mitbringt und Herzblut zeigt, kann das gut funktionieren. In einer guten Schule erhält diese Person genügend Support. Im Bereich der Questler – also einer Person, die als Quereinsteiger in den Lehrberuf wechselt – bin ich ebenfalls sehr offen. In der Regel sind dies hervorragende Leute, welche sich später für den Lehrberuf entscheiden und ein bewusster Entscheid zu wechseln zugrunde liegt. Daran ist nichts auszusetzen und sie können genauso gut unterrichten wie auch andere «gelernte» Lehrpersonen.
Wo oder wie kann die Behörde den Schulalltag beeinflussen?
Die Behörde setzt Rahmenbedingungen, damit eine Schule gut funktionieren kann. Einerseits bei der Infrastruktur. Die Schulräumlichkeiten müssen den Unterricht unterstützen. Viele Schulhäuser sind in die Jahre gekommen – doch die Lehrerschaft ist durchaus bereit, damit klarzukommen, wenn sie sehen, dass wir uns bemühen. Es ist allen klar, dass Sanierungen oder neue Schulbauten lange dauern, bis sie realisiert sind. Der Anspruch ist hier, gut und transparent zu kommunizieren, auch wenn es Änderungen gibt. Der Stellenmarkt ist dünn, die Arbeitsbedingungen sind ein Thema, beispielsweise Weiterbildungen ermöglichen und menschlich nahe sein, die Leute ernst nehmen. Nichts, was nicht auch in der Privatwirtschaft zählt.
Worauf sind Sie stolz, wenn Sie zurückblicken?
Der LSD «Last School Day» der dritten Oberstufe ist einfach toll. Man muss sich das so ein bisschen wie der College-Abschluss in Amerika vorstellen, nur einfach ohne Hüte hochwerfen. Früher war der offizielle Abschluss eher ein Alkoholfest, das wollten wir unbedingt aufbrechen. Jetzt ist es ein tolles Schlusserlebnis für die Jugendlichen. Alle tragen ihren Teil dazu bei in Präsentationen. Der besondere Rahmen wird durch die festliche Kleidung aller unterstützt – so sollte es sein. Dies war für mich immer ein sehr lässiger Anlass und ich wünsche mir, dass es so bleibt. Desweitern habe ich sehr viel gelernt – über den Bau eines Tunnels bis zur naturnahen Bepflanzung von Kreiseln – jede Woche kam etwas dazu. Das war spannend.
Was hat Sie gestört?
Diese Vielschichtigkeit, der die Schule ausgesetzt ist, macht es sehr schwierig für alle Beteiligten. Im Klassenzimmer sind laufend mehrere Bezugspersonen anwesend, die Sonderpädagogischen Massnahmen und die daraus erwachsenen Erwartungen der Eltern, dass die Schule alles problemlos in den Schulalltag integrieren kann, ist manchmal schon nervig. Mitreden oder sich einbringen ginge noch – aber einmischen ist schwierig. Es ist schon so, dass wir alle in der Schule waren und uns als Spezialisten sehen für dieses Thema. Dem ist aber nicht so. Alle gesellschaftlichen Themen machen sich in der Schule klar bemerkbar und verlangen, dass wir uns damit auseinandersetzen. Eine Mammutaufgabe!
Werden Sie die Schule Bassersdorf vermissen?
Ich interessiere mich selbstverständlich noch dafür, wie die Projekte, bei denen ich involviert war wie die Tagesstrukturen, die Einführung Leiter Bildung oder die Schulhausplanung weitergeht. Aber jetzt ist Tim Gelmi dran und es tut allen gut, wenn neue Personen entscheiden. Nicht vermissen werde ich jedoch die Anspruchstelefone, die unweigerlich als Behördenmitglied auf einem zukommen und geniesse die Zeit, zu lesen – vor allem Dinge, die ich lesen will und nicht muss (lacht).

