Freiwillige vor!
In den drei dorfblitz-Gemeinden leisten Hunderte von Freiwilligen Fronarbeit und tragen so zu einem lebendigen und lebenswerten Dorf bei – sie sind die guten Geister beispielsweise an Anlässen, in Vereinen oder in Heimen. Aber: Vielerorts mangelt es an Nachwuchs.
Ohne Freiwillige wäre das Dorfleben in den drei Gemeinden Bassersdorf, Nürensdorf und Brütten annähernd klinisch tot. Bassersdorf ohne Fasnacht, Chilbi, Altersforum oder Vereine? Nürensdorf ohne NüeriNetz? Brütten ohne Turnverein? Öde.
In allen drei Gemeinden gibt es diverse Vereine und Organisationen, in denen sich Hunderte von Freiwilligen engagieren. Sie organisieren Feste, kochen, leiten Wanderungen, besuchen kranke oder ältere Menschen, helfen Migranten beim Spracherwerb, befreien Grünflächen von Neophyten, löschen Feuer, putzen Nistkästen oder sie ermöglichen es Kindern und Jugendlichen, sich sportlich auszutoben. Die Liste liesse sich noch lange fortsetzen.
Ein Fünftel engagiert sich
Schweizweit gaben laut Bundesamt für Statistik knapp 40 Prozent der über 15-Jährigen an, gelegentlich Freiwilligenarbeit zu leisten. Inbegriffen sind hier auch unbezahlte Botengänge für Nachbarn, Kinderhüten oder Schneeräumen. Deutlich tiefer sind die Zahlen bei der formellen Freiwilligenarbeit – das ist jene Freiwilligenarbeit, die Menschen in Gruppen, Vereinen oder Organisationen leisten. Hier engagieren sich rund 20 Prozent; und sie bewältigen rund 220 Millionen Stunden unbezahlte Arbeit pro Jahr. An erster Stelle stehen die Sportvereine, gefolgt von kulturellen Vereinen.
Diese Zahl von einem Fünftel der Bevölkerung, die sich ehrenamtlich engagiert, ist über die vergangenen Jahre relativ stabil geblieben; Tendenz ist aber leicht sinkend.
Solidarität nicht mehr «in»
Dies deckt sich mit der Einschätzung der angefragten Freiwilligen im dorfblitz-Gebiet: «Leider wird es immer schwieriger, Personen zu finden, die sich für andere engagieren wollen», sagt Elsbeth Moser, Präsidentin des Altersforum Bassersdorf. In jeder Arbeitsgruppe des Altersforums sei mindestens ein Posten offen, so Moser. Esther Saurenmann, Präsidentin des NüeriNetz aus Nürensdorf, bestätigt den Rückgang an Freiwilligen: «Die Suche wird immer schwieriger. Vor allem junge Leute engagieren sich nicht mehr für andere. Da ist etwas verloren gegangen. Solidarität für andere Menschen ist nicht mehr in.» Doch es gibt auch Lichtblicke: Vor ein paar Monaten hatte das NüeriNetz verzweifelt nach Vorstandsmitgliedern gesucht – und konnte schliesslich beide Posten wieder besetzen (wir berichteten).
Aber die Suche nach Freiwilligen ist in fast allen Organisationen und Vereinen «ein Dauerbrenner», wie auch Stefan Vogler sagt, Kommandant der Feuerwehr Bassersdorf. Obwohl diese mit 65 Männern und Frauen sowie 20 Jugendfeuerwehrleuten nach eigenen Angaben «sehr stabil» aufgestellt sei, dürfe man die Suche nach Nachwuchs nie aus den Augen verlieren. Vor rund 15 Jahren hat die Feuerwehr deswegen einen Marketing-Verantwortlichen bestimmt. Als Folge wurde ein neues, «cooleres» Logo kreiert, die Homepage überarbeitet und ein Instagram-Account eröffnet. «Unser Ansatz ist, unsere Organisation möglichst attraktiv zu gestalten, damit unsere Leute die Feuerwehr Bassersdorf uneingeschränkt weiterempfehlen», erklärt Vogler.
«Ich bin überzeugt, dass sich jeder in irgendeinem Bereich für die Gesellschaft einsetzen soll. Daher leiste ich meinen Beitrag in verschiedenen Bereichen; in der Feuerwehr, im Radverein Rieden-Wallisellen und im Triathlon-Club Wallisellen «3starcats». Leider hat sich der administrative Aufwand in den vergangenen Jahren vervielfacht – da würde ich es begrüssen, wenn auf Stufe Kanton oder Bund die Vorgaben reduziert würden. Sonst gibt es bald viele Anlässe nicht mehr, weil kaum jemand die Verantwortung und diesen unnötigen Mehraufwand neben Familie und Beruf auf sich nimmt.»
Gute Noten für Bassersdorf
Obwohl die meisten Freiwilligen-Organisationen unabhängig von der Gemeindeverwaltung funktionieren, so sind sie doch auf das Wohlwollen ihrer Gemeinde angewiesen. Bassersdorf erntet in dieser Beziehung viel Lob: «Von der Gemeinde werden wir ernst genommen – das motiviert uns», sagt Elsbeth Moser vom Altersforum. Stefan Vogler doppelt nach: «Bassersdorf macht überdurchschnittlich viel für die Vereine und das gesellschaftliche Leben.»
Gemeindepräsident Christian Pfaller seinerseits lobt die Freiwilligen: Ihre Arbeit sei «von unschätzbarem Wert», insbesondere für die Institutionen der Altersarbeit. «Die Freiwilligenarbeit ist ein wichtiger Bestandteil unserer Gemeinde», bekräftigt er. Auch Daniel Wiesmann, Präsident TV Brütten, lobt die Zusammenarbeit mit der Gemeinde: «Wir erfahren grosse Unterstützung und dürfen uns in Fragen zur Sportanlagen-Infrastruktur jeweils einbringen», sagt er.
Anders tönt es in Nürensdorf: «Leider ist die Unterstützung der Gemeinde gering», sagt Esther Saurenmann vom NüeriNetz. Fairerweise muss gesagt werden, dass diese stichprobenartige Umfrage nicht repräsentativ ist für alle Freiwilligen, sondern nur einen individuellen Eindruck der Gemütslage der ortsansässigen Vereine bietet. Nürensdorf Gemeindepräsident Christoph Bösel betont jedenfalls, dass die Gemeinde «das grosse Engagement der Freiwilligen sehr schätze» und deren Arbeit ein «unverzichtbarer Pfeiler unserer Gemeinschaft» sei.
Rahmenbedingungen schaffen
Wertet man aus, wie die Gemeinden die Freiwilligenarbeit fördern, hat aber erneut Bassersdorf die Nase vorn. Die Gemeinde organisiert Dankesessen und Weiterbildungen. Freiwillige, die beispielsweise im Rahmen des Besuchsdienstes «Va bene» tätig sind, werden mittels Kursen in ihre Aufgabe eingeführt und profitieren von Coachings und Weiterbildungen; zudem werden Spesen entschädigt. Brütten, das eine grosse Dichte an Vereinen für einen Ort dieser Grösse aufweist, unterstützt die Vereine, «indem wir ihnen eine gute, funktionierende Infrastruktur zur Verfügung stellen», sagt Gemeindepräsident Fritz Stähli.
Win-Win-Situation
Allen Freiwilligen gemeinsam ist, dass ihr Engagement zwar viel Zeit und manchmal sogar Nerven kostet, dass es aber gleichzeitig ein wertvoller Teil ihres Lebens ist. «Mir gibt die Freiwilligenarbeit ein gutes Gefühl zurück. Es ist schön, für Mitmenschen da zu sein und in der Öffentlichkeit etwas zu bewegen», so Elsbeth Moser.
Für Vogler ist die Freiwilligenarbeit eine besonders bereichernde Form der Arbeit: «Arbeit kann so schön sein, wenn sie mit der richtigen Einstellung angegangen wird», erklärt er.
Im Einsatz für das ganze Land
Was bei den jeweiligen Antworten zudem auffällt: Mit der Freiwilligenarbeit haben die Befragten nicht nur ihr persönliches Glück im Blick, sondern auch jenes der Gemeinde oder sogar des Landes. Vogler beispielsweise sagt, dass dank Freiwilligenarbeit «die vielen schönen Facetten der Schweiz» erhalten werden. Noch poetischer formuliert es Wiesmann, der es ebenfalls enorm wichtig findet, dass die Vereine überleben: «Freiwilligenarbeit ist quasi das Wasser, das sicherstellt, dass wir dieses Vereinspflänzchen an die nächste Generation weitergeben können.»

