«Warum fällt es uns so schwer, etwas herzugeben?»
Der Nürensdorfer Jürg Sommerhalder möchte das Eigental schliessen. Im Interview spricht er über die Hintergründe und den langjährigen Konflikt um das Gebiet.
Jürg Sommerhalder: Sie stören sich daran, dass die Allianz «Unser Eigental» die allgemeine Volksmeinung vertrete.
Die Allianz führt den Slogan «Unser Eigental». Aber im Grunde meint sie etwas ganz anders. Der wahre Wert des Eigentals besteht nicht in der alten, maroden Strasse, die sinnvoll zu sanieren man zu geizig war. Der tatsächliche Wert des Eigentals ist in einer Amphibienpopulation von nationaler Bedeutung zu finden, in Naturwiesen, wie sie im Unterland selten geworden sind, in seiner spektakulären Orchideen-Vielfalt. Aber das alles interessiert die Allianz nicht, sie kümmert einzig die angebliche Qualifizierung des Eigentals als bequeme Durchfahrtstrecke.
Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem Eigental?
Ich bin gebürtiger Klotener, habe mein halbes Erwachsenenleben in Bassersdorf verbracht und werde in Nürensdorf sterben. Das Eigental ist seit Kindheitstagen mein liebstes Rückzugsgebiet. Ich verbrachte zahllose freie Schulnachmittage und Wochenenden am und um den Weiher, durchstreifte mit meinen Brüdern und Freunden die umliegenden Wälder und Wiesen. Und später, auf dem Bänkli am Weiher, küsste ich mein allererstes Mädchen (lacht).
Haben Sie sich bereits früher dafür aktiv eingesetzt?
Ab meinem 17. Lebensjahr engagierte ich mich aktiv im Eigentaler Amphibienschutz. Obschon ich es nicht ausstehen kann, frühmorgens aufzustehen und spätnachts bei garstigsten Bedingungen die warme Stube zu verlassen, tat ich genau das. Wochenlang jedes Jahr, jahrzehntelang. Um Frösche einzusammeln, zu zählen und über die Strasse zu tragen, damit sie nicht zu Tausenden überfahren werden. Ich zog keinen persönlichen Vorteil daraus – das Gegenteil ist der Fall: ich fror jeweils jämmerlich! –, aber es muss einfach sein, dass man einem sicheren und reichen Heimatland wie dem unseren etwas zurückgibt.
Was genau müsste man dem Heimatland Ihrer Meinung nach zurückgeben? Woran fehlt es?
Es fehlt an der Erkenntnis, wieviel wir alle haben und dass es kein Verlust ist, etwas davon wiederherzugeben. Wenn uns die SVP erzählt, der Kopfsalat werde zehn Rappen teurer, rennen wir alle an die Urne und setzen uns dafür ein, dass noch mehr Pestizide aus dem Wasserhahn fliessen. Für denselben Kopfsalat bezahlen wir hingegen bereitwillig das Doppelte, wenn wir ihn zuhause nicht mehr waschen müssen. Das ist absurd. In solchem Verhalten liegen weder Vernunft noch Verantwortung gegenüber unserem Land und nachfolgenden Generationen.
Sie stellen sich als Gegner gegen die Allianz-Meinung auf. Was stört Sie besonders?
Das Eigental ist auch mein Eigental, und dasjenige von meinesgleichen, die wie ich in einer intakten Umgebung leben möchten. Die unschweizerische Zwängerei um die Offenhaltung entspricht nicht dem, was diesem meinem Eigental in Wahrheit guttäte. Und nicht dem, was ich und Gleichgesinnte mit Zehntausenden Stunden an ehrenamtlicher Naturschutzarbeit mit unserem Eigental im Sinne hatten. Als Feldökologe sehe ich den Artenschwund draussen im Grünen an jedem Arbeitstag. Und damit die Notwendigkeit, die Landschaften für uns alle zu erhalten.
«Dem Wolf werfen wir Gier vor und wollen ihn unbedingt erschiessen, Uns selbst betrachten wir hingegen so unkritisch, dass wir nicht bemerken, wie unsere eigene Gier unser Demokratieverständnis untergräbt.»
Ein Streitpunkt in der aktuellen Debatte ist die Interessenabwägung zwischen Natur und dem Menschen…
Am Aktionstag der Allianz «Unser Eigental» Ende März wurde ausgiebig darüber diskutiert, ob die Interessen der Natur höher gewichtet werden als jene der Menschen. Diese Fragestellung zeigt, wie fehlgeleitet die Allianz denkt. Wir Menschen wurden biologisch erzeugt, wir bestehen aus natürlich gewachsenen Zellen, wir sind ein Resultat Jahrmillionen langer Entwicklungsgeschichte. Wir sind Natur und
somit nicht von ihr trennbar, ohne sie nicht lebensfähig. Die Interessen der Natur sind folgerichtig unsere Interessen. Die beiden Dinge getrennt voneinander zu betrachten, ist ein klassischer politischer Winkelzug und inhaltlich umfassend sinnfrei.
Was genau ist der Winkelzug an der Darstellung?
Dass die Politik um die Ambivalenz der Menschen weiss und ausnutzt. Manchmal, wenn wir gerade nicht mit materiellen Fragen beschäftigt sind, geben wir das implizit sogar zu: An jedem schönen Wochenende zieht es uns hinaus, in den Wald, an den See, in die Berge. Weil wir da den Alltagslärm loslassen können. Weil wir da Ruhe und zu uns selbst finden. Wir alle fühlen uns draussen im Grünen wohl, weil wir dazugehören, Teil davon und da zuhause sind. Das zeigt sich auch an meinen Vorträgen: Immer sehe ich zahlreiche vor Staunen runde Münder ob der schieren Vielfalt und Schönheit unserer Natur. Eine klügere Fragestellung wäre also, weshalb es uns so schwerfällt, ausnahmsweise mal etwas herzugeben. Um es für etwas einzusetzen, das uns am Ende sogar mehr bringt als das, was man uns zu verlieren einredet.
Was ist Ihre Interpretation? Warum fällt es uns schwer?
Das entspringt wohl unserem natürlichen Erbe: Unsere Vorfahren konnten es sich nicht leisten, auch nur ein Körnchen Nahrung zu verpassen. Aber heute leben wir im Überfluss. In der Schweiz ist gemäss Bundesamt für Statistik die Hälfte der Bevölkerung übergewichtig. Es geht uns also so gut, dass es schon ungesund wird. Das ist vergleichbar mit dem Wolf, der auf einer Weide die Situation einer riesigen Menge an komplett wehrlosen Beutetieren antrifft: Sein urtümliches Erbe, heute nichts verpassen zu dürfen, weil es danach vielleicht wochenlang nichts zu fressen gibt, lässt ihn 20 Schafe reissen, wo ihm ein einziges reichen würde. Dem Wolf werfen wir Gier vor und wollen ihn unbedingt erschiessen, Uns selbst betrachten wir hingegen so unkritisch, dass wir nicht bemerken, wie unsere eigene Gier unser Demokratieverständnis untergräbt.
Sie stellen das Demokratieverständnis in Frage?
Einige der wichtigsten Elemente der allgemeinen Definition schweizerischer Werte sind Zuverlässigkeit, Vertrauenswürdigkeit und die Kompromissbereitschaft. Wir treffen Vereinbarungen und halten uns an sie. Wir schliessen Kompromisse, die wie im Falle des ‹Runden Tisch› allen Beteiligten wehtun. Aber wir ertragen das. Es passt nicht zu unseren Wertvorstellungen, Verträge abzuschliessen, um sie anschliessend zu brechen. Wir treten keine Strassen an den Kanton ab und schreiben dem neuen Eigner vor, was er damit zu tun habe. Erst recht werfen wir einem Vertragspartner keine Sturheit vor, weil der sich an einen rechtsgültig geschlossenen Vertrag halten will.
Also ist es am Ende auch ein Problem der Kommunikation?
Auch unter den Befürwortern der Schliessung gibt es Kritik am Kanton. Er hätte es in der Hand gehabt, durch eine kluge und sensible Kommunikation die Menschen ins Boot zu holen. Er hätte uns erklären können, was er mit dem Eigental vorhat. Hätte es uns als Fusion aus Naturschutzgebiet und qualitativ hochwertigem Naherholungsgebiet schmackhaft machen können. Er hätte uns erklären können, dass es Wander- und Velowege geben wird, vielleicht einen botanischen Rundgang, oder einen Wildbienenlehrpfad. Oder einen Orchideen-Spaziergang anbieten können, an welchem wir die sensationelle Eigentaler Artenvielfalt dieser königlichen Blumen aus nächster Nähe bewundern können. Er hätte ein positives Bild malen und damit ein Gegengewicht schaffen können zu dieser potenziell negativ belasteten Tatsache, dass die Menschen eine Durchfahrtsstrasse verlieren. Stattdessen schwieg er seit acht Jahren stoisch, und die Bühne frei für die wenigen Lautstarken und ihr empörtes Gezeter.
Sie sprechen von wenigen Lautstarken – ist die Allianz zu wenig repräsentativ?
Das von der Eigental-Causa betroffene Einzugsgebiet – namentlich die Gemeinden Kloten, Oberembrach, Bassersdorf und Nürensdorf – umfasst rund 40 070 Einwohnende. Gut ein Prozent all dieser nahm teil am Aktionstag der Allianz. Und knapp 8,3 Prozent der angeblich Betroffenen unterzeichnete die Petition. Solche Beteiligungen als ‹erfolgreich› einzustufen, braucht viel Optimismus. Echter Widerstand schaut anders aus. Die Ironie an diesen marginalen Zahlen: Am Anlass sprach man von der ‹Herrschaft weniger über viele› und meinte damit Birdlife und WWF. Und nicht etwa das eine anwesende Prozent, das über die abwesenden 99 Prozent verfügen will. Übrigens: Birdlife und WWF sind keine verschwörerischen Geheimsekten, sondern wie alle anderen Naturschutzvereine Zusammenschlüsse engagierter Bürger.
Sie glauben, der Kampf ums Eigental ist Besitzstandwahrung einiger Einzelnen?
Die Allianz vertritt mit ihren Absichten, laut zu bleiben und bis vors Bundesgericht zu ziehen, längst nicht alle Teile der Bevölkerung. Die Allianz investiert zu viel Geld und zu viel Energie in den Kampf um ein Ziel, dessen Erreichung ein Verlust wäre. Für mich und für alle von uns. Mein Vater wohnte in Bülach und einer meiner besten Freunde in Eglisau. Um sie zu besuchen, nutzte ich gerne die Eigentalstrasse. Jetzt umfahre ich sie. Und verliere dadurch nichts. Ich habe es gemessen: Ich bin fünf Minuten schneller an beiden Zielen, wenn ich über Kloten und die Autobahn fahre. Und selbst wenn ich fünf Minuten länger hätte: Das sollte wahrhaftig ein reeller Verlust an Lebensqualität darstellen, den wir keinesfalls zugunsten eines nationalen Naturjuwels direkt vor der Haustür in Kauf nehmen wollen?
Mittlerweile hat Kloten mitgeteilt, dass sie keine rechtlichen Schritte unternehmen wollen. Was sagen Sie dazu? Was sollte die Reaktion der anderen Allianz-Gemeinden sein?
Kloten hat das getan, was die juristische Vorabklärung auch den Nürensdorfer/innen empfohlen hat: Keine Steuergelder in einen sinnlosen Prozess zu verschwenden, der nicht gewonnen werden kann. Selbstverständlich bin ich dafür, dass sämtliche betroffenen Gemeinden sich an den Vertrag halten, der am «Runden Tisch» rechtsgültig ausgehandelt wurde. Das gesparte Geld wäre in Fördermassnahmen für die wegbrechende Artenvielfalt weit sinnvoller investiert.


