Seltenes Spektakel einer Versteigerung
Das Betreibungsamt Bassersdorf-Nürensdorf hat eine Immobilie an der Birchwilerstrasse 11 versteigern lassen. Die letzte Versteigerung liegt vierzehn Jahre zurück.
Der helle Ton eines Glöckchens durchschneidet die Stille. Endlich. Zuvor herrschte eine halbe Stunde lang ein angespanntes Schweigen im Singsaal des Schulhauses Mösli. Dreizehn Bietende, allesamt dunkel gekleidet, und ein halbes Dutzend Zuschauer warten auf die Versteigerung einer 3,5-Zimmer-Wohnung an der Birchwilerstrasse 11 in Bassersdorf. Jemand niest und entschuldigt sich sofort. Die meisten Bietenden kamen überpünktlich; nur zwei huschen in letzter Sekunde an den beiden wachhabenden Polizisten vorbei und setzen sich in die Bieterreihen. Um dort Platz nehmen zu dürfen, mussten sie vorgängig ein Zahlungsversprechen einreichen über 80 000 Franken.
Keine Störungen
Mit dem Glöckchen bricht Michael Anrig das Schweigen. Der Amtsleiter des Betreibungsamts Bassersdorf-Nürensdorf verliest als Erstes die Spielregeln: keine Fotos geschweige denn Videos, keine Tonaufnahmen, keinerlei Störungen des Bieterprozesses. Wer bieten will, ruft nicht, sondern hebt die Hand. Dann nennt er oder sie – unter den Bietenden sind drei Frauen – die Summe, den eigenen Namen und Wohnort sowie den Namen dessen, für den das Objekt ersteigert wird. Jedes Angebot muss mindestens 10 000 Franken über dem vorigen liegen.
Das Objekt der Begierde: eine 3,5-Zimmer-Wohnung im ersten Obergeschoss inklusive Keller und Parkplatz. Amtlicher Richtwert: 685 000 Franken. Doch das erste Gebot kommt nicht aus dem Saal. Anrig verkündet, dass die Gläubigerin, die Schaffhauser Kantonalbank, bereits ein schriftliches Kaufangebot eingereicht hat. Summe: 424 000 Franken.
Damit ist die Versteigerung eröffnet. Stille. Die Sekunden dehnen sich.
Munteres Händeheben
Dann schnellt in der vierten Reihe eine Hand hoch. Eine Frau erhöht auf 434 000 Franken. Sie arbeitet für eine Immobilienfirma mit Sitz im Kanton Aargau. Es folgt ein munteres Handheben. Eine Privatperson bietet, wird von einer anderen überboten, und kontert sofort zurück. Dann mischt sich ein Vertreter einer weiteren Immobilienfirma ein. Es folgen Privatpersonen Nummer drei und vier, bevor es zwischen den Immobilienvertretern zum Schlagabtausch kommt. Eine fünfte Privatperson steigt ein.
Risiko-Zuschlag
Wer an einer Versteigerung den Zuschlag erhält, kann davon nicht mehr zurücktreten. «Sollte der Käufer die Zahlung nicht leisten können, so müsste eine neue Versteigerung angeordnet werden», erklärt Anrig. Der säumige Ersteigerer haftet in einem solchen Fall nicht nur für die Kosten für eine erneute Versteigerung, sondern auch für einen allfälligen Differenzbetrag. (bg)
Ab der 600 000-Franken-Marke lichtet sich das Feld. Nun schaukeln Privatperson Nummer 4 und ein Immobilienfirma-Vertreter gegenseitig den Preis hoch. Alle anderen scheinen aus dem Bieterprozess ausgestiegen zu sein. Soeben hat die Privatperson das Angebot der Immobilienfirma um 20 000 Franken erhöht auf 700 000 Franken – damit liegt der Kaufpreis über dem geschätzten Richtwert. Anrig hebt den Hammer. «Zum Ersten», sagt er und legt eine Pause ein, «zum Zweiten…» – doch bevor der Hammer niedersausen kann, meldet sich Privatperson Nummer 6: «710 000 Franken.»
Und dabei bleibt es – der Mann aus Brüttisellen, der sich bis zu diesem Zeitpunkt völlig im Hintergrund gehalten hat, bekommt den Zuschlag. Niemand erhöht mehr. Der Hammer fällt: Zum Dritten.
Kaum hat Anrig die Versteigerung für beendet erklärt, fällt die Anspannung im Saal ab. Die Anwesenden stehen auf, lächeln und plaudern. Fünf Minuten später ist der Spuk vorbei. Zurück bleiben der Amtsleiter, die Protokollandin und der frischgebackene, sichtlich überraschte neue Eigentümer, der als Erstes zum Handy greift.
Neuer Trend
Nach Ablauf einer zehntägigen gesetzlichen Wartefrist wird das Betreibungsamt die finalen Schritte einleiten und den Notariatstermin für die Eigentumsübertragung ansetzen. Dass solche Szenen in Bassersdorf zu sehen sind, ist eine absolute Seltenheit: «Die letzte Versteigerung in Bassersdorf liegt vierzehn Jahre zurück», berichtet Anrig. Meistens finden verschuldete Besitzer vorher private Käufer.
Doch das könnte sich künftig ändern. «Wir beobachten einen Trend zur Zwangsverwaltung», sagt Anrig. Wenn die Gläubiger in solchen Fällen ihr Geld einfordern, könnten die Glöckchen in Bassersdorf künftig wieder öfter läuten.



