Region

Gefährliche Schönheiten

In den «dorfblitz»-Gemeinden breiten sich eingeschleppte Pflanzen wie etwa Berufkraut, Goldrute, Greiskraut oder Kirschlorbeer aus. Diese sogenannten Neophyten sehen zwar schön aus, bedrohen aber die heimische Flora und zerstören die Biodiversität. Ihre Bekämpfung ist schwierig, weil viele Leute sie gar nicht kennen und unwissentlich Bestände davon in ihrem Garten kultivieren – mit üblen Folgen für die ganze Umgebung.

Ein mit Goldruten und Berufkraut verseuchtes Grundstück an der Brunnenstrasse in Bassersdorf. (bg)
Auch das Berufskraut gehört zu den Schädlingen. (zvg)
Sieht hübsch aus, bedroht jedoch die heimische Flora. (zvg)
Planzen wie Japanknöterich werden teilweise von unwissenden Besitzern kulitivert. (zvg)
Beliebte Pflanzen wie der Kirschlorbeer gehören ebenfalls zu den Bösewichten. (zvg)

Sie sind eigentlich so hübsch anzusehen: Das Berufkraut wirkt wie ein grossgewachsenes, buschiges Gänseblümchen, und die kanadische Goldrute ist eine majestätische, goldgelb blühende Pflanze. Aber: Beide sind invasive Neophyten. Pflanzen also, die nicht in Mitteleuropa heimisch sind, sondern eingeschleppt wurden, und die sich hier rasant ausbreiten auf Kosten der einheimischen Flora.

Schweizweit gibt es rund 730 Neophyten. 89 davon werden als invasiv bezeichnet. Das sind die gefährlichen. Denn die invasiven Neophyten verdrängen einheimische Pflanzen; sie gefährden also das Ökosystem, und manche sind wegen ihrer Giftigkeit sogar eine Gefahr für die Menschen – ein Beispiel ist die Ambrosia, die schwere allergische Reaktionen auslösen kann. «Oder das Greiskraut, das enthält ein Lebergift», warnt Beat Huber, die Neobiota-Kontaktperson für Bassersdorf.

Als Zierpflanzen geholt

Zwei der häufigsten Neophyten, die man in den «dorfblitz»-Gemeinden antrifft, sind das Berufkraut und die Goldrute. Sie wachsen in Gärten oder wuchern entlang von Strassen und auf Brachflächen. Beide stammen vom nordamerikanischen Kontinent und wurden ursprünglich als Zierpflanzen in die Gärten geholt. Von dort schafften sie den Sprung in die Wildnis.

«Für das hiesige Ökosystem sind sie aber praktisch unbrauchbar», erklärt Timo Knabenhans, der Neophyten-Verantwortliche von Brütten. «Unsere Tiere fressen die Pflanzen nicht, und die einheimischen Insekten, die oft auf spezifische Wirtspflanzen angewiesen sind, können mit ihnen auch nichts anfangen.»

«Diese fremden Pflanzen haben hier keine natürlichen Feinde. Doch verschwinden unsere heimischen Pflanzen, verschwinden auch die Insekten, und dann weitere Tiere, und so fort – es entsteht ein ganzer Rattenschwanz an Problemen.»

Andreas Werda, Forstwart Hardwald Umgebung

Ausreissen und entsorgen

Gegen die Neophyten gibt es darum nur ein Rezept: «Ausreissen und im Abfall entsorgen», betont Knabenhans. Keinesfalls dürften die Pflanzen auf dem Kompost entsorgt werden, oder noch schlimmer: im Wald. Vor ein paar Jahren musste der damalige Brüttener Förster Felix Holenstein intensiv gegen den japanischen Knöterich ankämpfen – ebenfalls eine Pflanze, die ursprünglich als Zierpflanze geholt wurde. Dank Wachsamkeit habe man die Situation in Brütten «noch relativ gut im Griff», so Knabenhans. Forstwart Andreas Werda, der als diesbezüglicher Stellvertreter für den ferienhalber abwesenden Nürensdorfer Neophyten-Experten August Erni amtet, stimmt dem zu: «In manchen Gemeinden ist der Zug schon abgefahren. Hier in der Region aber bleiben wir am Ball und bekämpfen die Neophyten weiterhin.» Jeweils im Frühling würden Primarschüler von Bassersdorf einen halben Tag lang zusammen mit dem Forstamt Neophyten auszerren. Seit dem laufenden Jahr würden dafür auch Asylbewerber eingesetzt.

Viele Vereine im Einsatz

Ein aktuelles Beispiel für ein solches Projekt kennt auch Gemeinderätin Lisa Schneider aus Nürensdorf: «Die mit Berufkraut verseuchte Wiese bei der Aweka AG wurde kürzlich einen halben Tag lang von zehn Asylbewerbern ausgeputzt», sagt sie. Nürensdorf plant zudem, ab nächstem Jahr einen Teil der für das Papiersammeln eingesetzten Gruppen stattdessen fürs Ausreissen von eingeschleppten Pflanzen einzusetzen. Der Naturschutzverein Bassersdorf Nürensdorf (NBN) bekämpft ebenfalls regelmässig Neophyten. Genau wie der Waldverein Bassersdorf-Nürensdorf: Vereinsmitglied Johannes Graf organisiert in Bassersdorf jedes Jahr Ausreissaktionen mit Schulklassen. Die Gemeinde Bassersdorf hat zudem einen Naturschutzbeauftragten, René Gilgen vom Büro FÖN (Fachgemeinschaft Ökologie, Umwelt, Natur) in Uster, der die Aktionen mit den Vereinen plant und durchführt.

Problem wird ernst genommen

Die Nachfrage bei den drei Gemeindeverwaltungen, den Förstern und den Neobiota-Kontaktpersonen zeigt: Die Neophyten werden als ernst zu nehmendes Problem wahrgenommen. «In der Fachkommission Landwirtschaft und Naturschutz sind die Neophyten ein ständiges Thema», bestätigt Ueli Meier von der Abteilung Bau und Werke in Bassersdorf. Doch er gibt auch zu bedenken, dass die Behörden allein den Kampf gegen diese Pflanzen nicht gewinnen können: «Leider fehlt dem Strassenwesen die zeitliche Kapazität, um alle Flächen konsequent zu bekämpfen.»

Gartenbesitzer in der Pflicht

Denn bei der Bekämpfung der Neophyten gibt es ein zusätzliches Problem: die ahnungslosen oder uneinsichtigen Gartenbesitzer, die diese Pflanzen auf ihren Böden kultivieren. Denn Neophyten kennen keine Grenzen – hat der Nachbar Neophyten und lässt diese munter versamen, habe der Nachbar im Nu auch Dutzende davon im Garten. «Sogar etliche Hauswartfirmen haben keine Ahnung von Neophyten», bedauert Beat Huber. Die Nürensdorfer Gemeinderätin Lisa Schneider stimmt zu: «Vielen Leuten ist gar nicht bewusst, dass sie Neophyten haben.» Denn auch so beliebte Pflanzen wie der Kirschlorbeer oder der Schmetterlingsflieder gehören zu den Bösewichten: Sie sind für heimische Insekten praktisch nutzlos – der Schmetterlingsflieder zum Beispiel lockt zwar Schmetterlinge an, aber für Fortpflanzung, Eiablage und Raupen ist er unbrauchbar.

Gefragt ist also mehr Aufklärung der Bevölkerung. «Es wird bereits viel getan seitens der Gemeinden und Naturschutzvereine», lobt Huber. Und ergänzt: «Aber es sollte noch mehr getan werden!» Wie wichtig die Sensibilisierung der Leute sei, weiss Gemeinderätin Lisa Schneider: In Nürensdorf erarbeite man darum ein Informationsblatt, das im nächsten Frühling dem dorfblitz beigelegt werden soll. «Ausserdem wollen wir mit gutem Beispiel vorangehen und alle Gemeindeliegenschaften von Neophyten befreien.» Diese Aktion dauere aber mehrere Jahre und koste natürlich auch Geld, erklärt sie.

Umso wichtiger sei es, dass alle, auch die Privaten, am gleichen Strick zögen. Denn der Bundesrat ist zwar dabei, das Umweltschutzgesetz zu ändern, noch ist es aber nicht so weit. «Bei Berufkraut, Goldrute oder dem Schmetterlingsflieder bestehen leider keine rechtlichen Grundlagen, damit wir einen Eigentümer zur Bekämpfung zwingen können», sagt Ueli Meier. Klarere Auflagen gebe es nur bei gesundheitsgefährdenden Pflanzen wie dem Japanischen Knöterich, dem Riesen-Bärenklau oder dem Greiskraut.

Rechtliche Handhabe fehlt

Sprich: Wenn sich ein Grundstückbesitzer querstellt, ist die Situation für Nachbarn schwierig, wie ein aktuelles Beispiel aus Bassersdorf zeigt (siehe Kasten). «Erfahren wir von einem Bestand auf einem Privatgrundstück oder Firmengelände, nehmen wir Kontakt auf oder werfen – je nach Neophyt – ein Infoschreiben direkt in den Briefkasten», sagt Ueli Meier aus Bassersdorf.

Reagiert die Person nicht, sind der Gemeinde die Hände gebunden. «Meistens sind die Leute aber einsichtig und entfernen die Pflanzen sofort», erzählt Timo Knabenhans aus Brütten. Und Lisa Schneider aus Nürensdorf fügt an: «Momentan ist es unsere Aufgabe als Gemeinde, zu informieren – und auf den Goodwill der Bevölkerung zu hoffen.»

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