«New Zurich»: Vision nimmt Gestalt
Mit «New Zurich» hat der Verein FRZ Flughafenregion Zürich eine Entwicklungsstrategie für den Wirtschafts- und Lebensraum rund um den Flughafen vorgestellt. Fünf Entwicklungsfelder sollen der Region zu einer stärkeren Position im internationalen Standortwettbewerb verhelfen. Zu den 14 Mitgliedsgemeinden gehören auch Bassersdorf und Nürensdorf. Beide sehen im Konzept Chancen. Wie sie diese konkret nutzen wollen, ist allerdings offen.
Die Flughafenregion Zürich ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gewachsen. Rund 300 000 Menschen leben im Wirtschafts- und Lebensraum rund um den Flughafen, über 200 000 Arbeitsplätze sind hier angesiedelt. Trotzdem sieht die FRZ Flughafenregion Zürich weiteres Potenzial. Mit der im Juni veröffentlichten Entwicklungsstrategie «New Zurich» will sie die Region stärker als eigenständigen Wirtschaftsraum positionieren. Ein rund 100-seitiger Reader zeigt auf, wo sich die Region in den kommenden Jahren entwickeln könnte.
Fünf Entwicklungsfelder
Dabei geht es nicht um eine neue politische Struktur oder einen Zusammenschluss der Gemeinden. Die FRZ bezeichnet «New Zurich» als Denkanstoss und Handlungsimpuls für die weitere Entwicklung. Die vierzehn Mitgliedsstädte und -gemeinden wurden seit 2022 in Workshops in den Strategieprozess einbezogen. Im Zentrum stehen fünf Entwicklungsfelder: BYTE umfasst Digitalisierung und ICT, AERO Luftfahrt und Raumfahrt, HUBS Unternehmenszentralen und internationale Unternehmensfunktionen, MEET Kongresse und Events und CARE Gesundheit und Life Sciences. Daraus sind verschiedene Ideen entstanden. Eine ICT-Academy soll beispielsweise Lehrstellen und Weiterbildungen fördern, eine Kompetenzlandkarte Unternehmen und Fachwissen aus der Luft- und Raumfahrt sichtbar machen. Ältere Büroareale sollen attraktiver und die Flughafenregion als Standort für Kongresse und Veranstaltungen stärker positioniert werden.
Vieles davon befindet sich noch in einer frühen Phase. Seit August werden die Massnahmen zusammen mit den Gemeinden konkretisiert. Für die einzelnen Entwicklungsfelder sollen Lead-Partner gefunden werden. Mit «Zürich Tourismus» wurde für den Bereich MEET eine erste Partnerschaft abgeschlossen. Damit beginnt für «New Zurich» die eigentliche Bewährungsprobe. Denn eine regionale Entwicklungsstrategie ist das eine, deren Umsetzung in vierzehn politisch eigenständigen Gemeinden das andere.
Bassersdorf prüft Nutzen
Bassersdorf steht «New Zurich» grundsätzlich positiv gegenüber. Gemeindepräsident Christian Pfaller hält es für «richtig und wichtig», dass sich die Region mit einem gemeinsamen Standortmarketing gegenüber nationalen und internationalen Unternehmen präsentiert und sich innerhalb der Schweiz und des Kantons Zürich positioniert. Allerdings war Bassersdorf in der Erarbeitung des Readers politisch kaum involviert. «Ein erster Austausch zu den Inhalten fand erst diesen Sommer statt», erklärt Pfaller.
Entsprechend steht die konkrete Auseinandersetzung mit «New Zurich» erst am Anfang. «Wir prüfen zurzeit, wie die Vision New Zurich für die Gemeinde Bassersdorf einen Nutzen und Mehrwert geben kann», sagt Pfaller. Interessant seien derzeit vor allem die Entwicklungsfelder BYTE und CARE.
Dass die Gemeinde damit ein starkes Wachstum anstrebe, weist Pfaller zurück. «Die Vision New Zurich hat nichts mit dem grenzenlosen Wachstum zu tun, dem gegenüber sind und bleiben wir zurückhaltend.» Ziel sei vielmehr, Firmen mit hoher Wertschöpfung anzusiedeln. Seit Jahrzehnten werde aus der Bevölkerung gefordert, dass der Anteil der Steuereinnahmen von juristischen Personen steigen soll. Gewisse Parallelen sieht Pfaller zur Entwicklungsstrategie 2030 der Gemeinde. Diese beschäftigt sich mit Bassersdorf als Wohn- und Wirtschaftsstandort. «Beiden Dokumenten ist gemein, dass sie für attraktive Standortbedingungen besorgt sind», sagt Pfaller. Die Bassersdorfer Strategie und der kommunale Richtplan seien allerdings wesentlich lokaler ausgerichtet.
Auch die politische Eigenständigkeit sieht Pfaller nicht gefährdet. «New Zurich» sei Standortmarketing und kein politisch-planerisches Instrument. Die Gemeinde wolle nun prüfen, wie die Vision in das eigene Standortmarketing einfliessen könne
«Wir prüfen zurzeit, wie die Vision New Zurich für die Gemeinde Bassersdorf einen Nutzen und Mehrwert geben kann»
Nürensdorf sieht Chancen
Auch in Nürensdorf muss sich erst zeigen, welche Bedeutung «New Zurich» für die Gemeinde haben könnte. Der heutige Gemeinderat ist seit dem 1. Juli im Amt und war in dieser Zusammensetzung an den bisherigen Workshops nicht vertreten. Ein Austausch mit der FRZ und weitere Workshops seien geplant. Die Standortförderung werde eines der Themen für die kommenden vier Jahre sein, sagt Gemeindepräsident Hannes Schärer.
Dass Nürensdorf als kleinere und ländlich geprägte Gemeinde gegenüber Städten wie Kloten, Opfikon oder Wallisellen ins Hintertreffen geraten könnte, befürchtet Schärer nicht. «Gerade eine kleine Gemeinde kann von der Erfahrung grösserer Nachbarn profitieren und Zugang zu Netzwerken erhalten, die sie allein nie aufbauen könnte.»
Nürensdorf sei ohnehin Teil dieses Wirtschaftsraums. «Der Zusammenarbeit stehen wir positiv gegenüber. Gleichzeitig bleibt Nürensdorf ganz klar eine eigenständige Gemeinde und entscheidet selbst, wo und wie sie sich entwickeln möchte», sagt Schärer. Konkrete Ansatzpunkte sieht er bei der geplanten ICT-Academy mit Lehrstellen und Weiterbildungen sowie bei der Kompetenzlandkarte, auf der auch Nürensdorfer Betriebe sichtbar werden könnten. Bei den fünf Entwicklungsfeldern sieht Schärer derzeit am ehesten Potenzial bei BYTE, AERO und CARE. Welche Ideen für Nürensdorf tatsächlich von Nutzen sein könnten, ist aber noch offen.
Von der Vision zur Umsetzung
Die Aussagen aus Bassersdorf und Nürensdorf zeigen, dass zwischen der regionalen Vision und der Umsetzung auf Gemeindeebene noch einige Arbeit liegt. Beide Gemeinden unterstützen den Ansatz grundsätzlich, prüfen aber erst, welche Elemente für sie tatsächlich relevant sind. Dazu kommen unterschiedliche Voraussetzungen und Interessen der vierzehn Mitgliedsgemeinden. Kloten, Opfikon oder Wallisellen verfügen über andere räumliche und wirtschaftliche Möglichkeiten als Bassersdorf oder Nürensdorf. Verbindliche Vorgaben kann die FRZ den Gemeinden nicht machen. «Entschieden wird nach wie vor im Gemeinderat, an der Gemeindeversammlung sowie an der Urne in Nürensdorf», hält Gemeindepräsident Schärer fest.
Wie tragfähig «New Zurich» als gemeinsame Entwicklungsstrategie ist, dürfte sich erst mit der Umsetzung zeigen. Entscheidend wird für Bassersdorf und Nürensdorf weniger sein, wie die Vision aussieht, sondern ob daraus Projekte entstehen, von denen Gemeinden, Unternehmen und Bevölkerung profitieren können.
«New Zurich ist kein Projekt zur Gründung einer neuen Stadt»
Rahel Kindermann Leuthard, Geschäftsführerin der FRZ Flughafenregion Zürich, erklärt, weshalb «New Zurich» keine neue Stadt schaffen will, wie kleinere Gemeinden profitieren können und weshalb gewisse Probleme nur regional zu lösen sind.
Wie wurden die kleineren Gemeinden wie Bassersdorf oder Nürensdorf konkret miteinbezogen?
Rahel Kindermann Leuthard: Die vierzehn Städte und Gemeinden hatten seit 2022 in mehreren Workshops unabhängig von ihrer Grösse die Gelegenheit, sich gleichberechtigt zu beteiligen.
Gemeinden wie Opfikon, Kloten oder Wallisellen gehören zu den urbanen Gebieten, Bassersdorf und Nürensdorf sind bisher noch eher ländlich geblieben. Wo sehen Sie den gemeinsamen «metropolitanen Ansatz»?
Vorweg: New Zurich ist kein Projekt zur Gründung einer neuen Stadt und schon gar keine Strategie zur Verstädterung der Dörfer in unserer Region. Das Bild der «Stadtlandschaft im Grünen» meint genau beides: verdichtete Zentren rund um den Flughafen Zürich, in Wallisellen oder im Hochbord in Dübendorf sowie ländlich geprägte Gemeinden mit intakter Natur. Unser Ziel ist es, die Lebensqualität in dieser dynamischen Region langfristig zu erhalten.
Sobald es an eine Umsetzung der Vision von New Zurich geht, müssen Fragen wie Wohnraum, Verdichtung oder Verkehr gestellt werden.
Der Verkehr zeigt das exemplarisch: Der Durchgangsverkehr in Bassersdorf entsteht nicht in Bassersdorf. Unsere Entwicklungsstrategie benennt die ungenügende Quer- und Innenmobilität klar und nennt als Antworten den Ausbau des öffentlichen Verkehrs, neue Mobilitätskonzepte und die Entflechtung der Pendlerströme. Keine Gemeinde kann das allein anstossen. New Zurich kann der Region gegenüber Kanton und Bund eine gemeinsame Stimme geben.
Wie sollen die Gemeinden in Zukunft mit ihrer kommunalen Nutzungsplanung und Entwicklungsstrategie umgehen?
Die Planungshoheit bleibt selbstverständlich bei den Gemeinden, entschieden wird an der Urne. Die FRZ ist ein Verein. Wir können und wollen uns nicht in die Aufgaben und Abläufe der Gemeinden einmischen. New Zurich bietet lediglich einen gemeinsamen Bezugsrahmen.
Die Flughafenregion gilt schon heute als einer der dynamischsten Wirtschaftsstandorte der Schweiz. Warum ist da Wachstum überhaupt noch nötig?
Wachstum um jeden Preis ist für uns kein Ziel. Das Potenzial liegt nicht in mehr Wirtschaftsflächen oder in mehr Einwohnern, sondern im Zusammenspiel der Stärken: Bei Kongressen und Events etwa fliesst heute noch viel Wertschöpfung in die Stadt Zürich. In der Luftfahrt oder dem Gesundheitswesen entstehen Arbeitsplätze für Fachkräfte aus Bassersdorf und Nürensdorf. Es geht uns darum, eine Entwicklung, die ohnehin stattfindet, gut zu gestalten.
Wie sieht nun der weitere «Fahrplan» für eine Umsetzung aus?
Das soll in drei Schritten geschehen: Erstens die Konkretisierung der Massnahmen mit den vierzehn Gemeinden, die wir im August gestartet haben. Zweitens ein interdisziplinäres Steering Committee aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik bis im ersten Quartal 2027. Drittens suchen wir Lead-Partner pro Entwicklungsfeld – mit Zürich Tourismus haben wir für das Entwicklungsfeld Kongresse und Events (MEET) die erste Partnerschaft gefunden. (rh)



