Wenn der Sommer zur Prüfung wird
Die diesjährige Hitzewelle hatte Bassersdorf, Nürensdorf und Brütten fest im Griff. Auf den Strassen, in den Geschäften und auf den Feldern der Region zeigte sich, wie unterschiedlich Menschen und Unternehmen mit den hohen Temperaturen umgegangen sind. Stimmen aus einer in diesem Sommer besonders schwitzenden Region.
Wie aussergewöhnlich heiss dieser Sommer wirklich war, zeigt ein Blick auf die Daten von Daniel Ehrenmann aus Bassersdorf, der seit mehreren Jahrzehnten auf seinem Dach eine private Wetterstation betreibt: Der Rekordsommer des Jahres 2003 zählte 35 Hitzetage, also Tage mit einer Maximaltemperatur über 30 Grad Celsius. Am 16. August verzeichnete die Anlage Ehrenmanns bereits 46 Hitzetage. «Die Daten bestätigen die subjektive Wahrnehmung des hiesigen Sommers: Es ist effektiv aussergewöhnlich heiss», erzählt Daniel Ehrenmann.
Rekord pulverisiert
Zum Vergleich: Letztes Jahr wurden gerade mal 20 solcher Hitzetage in Bassersdorf registriert. Doch nicht nur der Rekord der Hitzetage wurde pulverisiert, auch die höchste gemessene Temperatur wird vorläufig in die Geschichtsbücher von Ehrenmanns Anlage eingetragen: «Am 27. Juni gab es seit Messbeginn meiner Wetterstation von 2005 mit 37.4 Grad Celsius einen neuen Temperaturrekord», berichtet Ehrenmann.
Freibad als Abkühlung
Der offensichtliche Gewinner des Hitzesommers scheint das Bassersdorfer Freibad Hasenbühl zu sein. Danach gefragt, ob dies wirklich so ist, antwortet Roland Wittmann als Geschäftsführer der «bxa»: «Die Hitze hat sich effektiv positiv auf die Besucherzahlen ausgewirkt. Wir hatten per 6. August total 43 000 Eintritte in das Freibad. Das ist überdurchschnittlich, aber noch kein Rekord.»
Während es in Vorjahren schon Tage mit beinahe 2000 Eintritten gab, lag der Höchstwert diesen Sommer bei 1566 Eintritten. Die vielen Besucher bringen neben den vielen verkauften Eintritten allerdings auch Herausforderungen mit sich: «Die alte Anlage zwingt uns an Hitzetagen, die Wasseraufbereitung mit viel Frischwasser zu ergänzen», erzählt Wittmann. Positiv sieht der Geschäftsführer die Entwicklung der Hitzeschläge bei den Besuchern: «Es gab eher weniger Hitzeschläge, da ein grösserer Teil der Badegäste extra ins Freibad zur Abkühlung kam.»
Herausforderung für Bauern
Anders als das Freibad dürften die örtlichen Bauern weniger Freude an der ständigen Hitze verspürt haben. Peter Ball betreibt zusammen mit seiner Familie in Brütten einen Bauernhof und setzt dabei auf Bio-Qualität. Während die Getreide-Ernte noch gut war, litten die Tiere besonders unter der Hitze: «Besonders die Milchkühe leiden stark. Ihre Leistung ist um rund 30 Prozent gesunken, ihr Immunsystem ist angeschlagen und sie sind anfälliger für Krankheiten geworden. Bei den Legehennen beobachte ich die gleiche Entwicklung», sagt Peter Ball. Weiter erzählt er: «Die grösste Ertragseinbusse haben wir bislang beim Wiesenfutter für die Wintervorräte. Wenn die Trockenheit anhält und wir keine Möglichkeit haben, Zwischenfutter anzubauen, wird der Vorrat für den Winter knapp,» Bislang sieht der Silomais in Brütten den Umständen entsprechend gut aus, aber er braucht gemäss Ball dringend Wasser.
Herausforderung für alle
Weniger prekär sieht die Lage bei den Senioren der Region aus: «Die gesundheitlichen Auswirkungen halten sich in Grenzen, da viele unserer Kunden zu Hause bleiben. Dies entweder zu ihrem Schutz oder weil sie das Haus nicht verlassen können», berichtet Claudia Rabadzijev, Co-Leiterin der KZU-Spitex Bassersdorf, Nürensdorf und Brütten. Dennoch ist es gemäss Rabadzijev sehr wichtig, diese Personen zu schützen: «Wir verteilen bei gefährdeten Kunden laminierte Karten mit der Aufschrift «Trinken» und dem Bild eines Wasserglases. Dazu empfehlen wir, Besorgungen früh morgens zu erledigen und in der Nacht die Räume gut zu lüften.» Zudem seien die Mitarbeitenden der Spitex in diesem Hitzesommer besonders aufmerksam bei den Einsätzen, um mögliche Veränderungen in der Orientierung zur Person oder der Kognition rasch erkennen und entsprechende Massnahmen ableiten zu können.
«Die Natur steht unter enormen Stress.»
Schule im Keller
Auch für die jüngeren Bewohner kann die Hitze, beispielsweise im Schulalltag, eine Belastung darstellen. «Wir halten uns an die Empfehlungen des Volksschulamtes des Kantons Zürich, um den Schülern einen möglichst normalen Schulbetrieb zu ermöglichen. Bislang haben wir von Eltern keine besonderen Rückmeldungen zum Umgang mit den hohen Temperaturen erhalten», lässt die Schulleitung der Schule Brütten, bestehend aus Manuela Arnet und Gian Decurtins, verlauten. Doch auch mit den Massnahmen gestaltet sich der Schulalltag nicht einfach: «Für die Lehrpersonen und Kinder ist das Unterrichten und Lernen in den heissen Schulzimmern mit teilweise 26 Kindern sehr herausfordernd. Ein Ausweichen auf Gänge, Treppen oder Kellerräume gehört unterdessen zum Alltag», erzählt die Co-Schulleitung.
Leidende Flora
Die ungewöhnlich warmen und niederschlagsarmen Wochen machen sich im Bassersdorfer Wald zunehmend bemerkbar: «Die Natur steht unter enormen Stress. Die Bäume verfärben sich bereits und die Nadelbäume verlieren zwei Nadeljahrgänge. Die Buchen und Birken haben bereits braunes Laub, es herbstet offensichtlich schon», berichtet August Erni, Revierförster des Hardwalds. Doch nicht nur die Bäume leiden unter dem Wassermangel, auch die Pflanzen am Waldboden beginnen auszutrocknen. Dadurch steigt gemäss Erni die Gefahr von Waldbränden. Sowohl Tony Weiss von der Feuerwehr Altbach in Nürensdorf als auch Stefan Vogler von der Bassersdorfer Feuerwehr bestätigen die Gefahr. «Wir sind froh um jeden Tag, an dem nichts passiert», berichtet Vogler.
Dennoch erzählen beide Kommandanten, dass die Hitze nicht zu mehr Einsätzen geführt habe: «Das Feuerwerksverbot sowie die Sensibilisierung der Bevölkerung hat sichtlich Wirkung gezeigt», fasst Vogler zusammen. Auch Weiss zeigt sich zufrieden: «Wir haben aber festgestellt, dass sich, aus unserer Sicht, die Bevölkerung in unserem Einsatzgebiet sehr gut an das verfügte Feuerverbot der Gemeinden und Kanton hält.» Dennoch kam es diesen Sommer zu einem Zwischenfall. «Die Feuerwehr Bassersdorf wurde am 30. Juli zu einem Einsatz gerufen. Es handelte sich um einen lokalen Brand in der Nähe einer Wald-Feuerstelle. Der Brand konnte schnell gelöscht werden, wodurch die Ausbreitung des Feuers verhindert wurde», sagt Vogler.
Die sommerliche Hitzewelle verdeutlichte, wie vielfältig die Auswirkungen extremer Temperaturen in Bassersdorf, Nürensdorf und Brütten waren. Je nach Lebens- und Arbeitsbereich zeigten sich die Folgen ganz unterschiedlich. Das Freibad freute sich über viele Besucher, welche die willkommene Abkühlung suchten. Schulen und Spitex passten ihre Tagesabläufe an, um besonders empfindliche Personen vor der Hitze zu schützen. Gleichzeitig beobachteten Forstdienste und Feuerwehr die zunehmende Trockenheit aufmerksam, da die Belastungen für Wald und Böden vielfach erst Monate oder sogar Jahre später vollständig sichtbar werden.
Die Häufung von Hitzetagen, Trockenperioden und weiteren Extremereignissen lässt sich den Messungen von Daniel Ehrenmann zufolge kaum noch als einmalige Ausnahme abtun. Für Bassersdorf, Nürensdorf und Brütten stellt sich deshalb zunehmend die Frage, wie sie mit den veränderten klimatischen Bedingungen umgehen. Der diesjährige Sommer zeigt damit nicht nur die Folgen der aktuellen Wetterlage, sondern liefert zugleich einen möglichen Vorgeschmack darauf, mit welchen Bedingungen die Region in Zukunft häufiger rechnen muss.




