Brütten

«Aus einer Idee wurde ein fester Bestandteil von Brütten»

Das Kinderhaus Chrüsimüsi in Brütten feiert im September das 25-jährige Bestehen. Sabine Egli, Gründerin des Chrüsimüsi und die heutige Leiterin Petra Cammarota schauen zurück.

Petra Cammarota (li.) und Sabine Egli tauschen Erinnerungen über 25 Jahre Chrüsimüsi-Betrieb aus. (Bilder: Susanne Gutknecht)

Sabine Egli: Ich habe aus einer privat schwierigen Situation im Frühling-Sommer 2000 begonnen, in meiner Privatwohnung Kinder zu hüten. Ich hatte drei kleine Kinder und fragte mich, was ich machen soll mit ihnen, während ich auswärts arbeiten würde. Putzen oder servieren schienen mir die möglichen Alternativen zu sein. Einige Kolleginnen waren in derselben Klemme und so habe ich in meiner Privatwohnung neben meinen Kindern noch weitere gehütet. Aus fünf wurden sieben, dann neun.

Wie haben das Ihre Kinder wahrgenommen? Gab es keine Eifersucht?
Es war tatsächlich schwierig. Vor allem, da sie ihre privaten Spielwaren hergeben mussten für alle. Daher merkte ich bald, dass ich so nicht weitermachen kann. Als gelernte Kindergärtnerin war ich zwar gut vorbereitet auf diesen Job, aber es war halt eine Vermischung von privatem und geschäftlichem Umfeld.

Wie haben Sie diese Krux gelöst?
Durch Bekannte und Freunde, welche mich sehr unterstützten, habe ich dann gehört, dass das Baumann-Hüsli leer stand. Ich habe die Gemeinde angefragt und es an drei Tagen gemietet und dafür bezahlt.

War dies der Startschuss zum Chrüsimüsi?
Nein. Nach rund drei bis fünf Monaten kam eine Person von der Krippen- und Tageseltern-Aufsichtsbehörde – anscheinend müssen sie einen Tipp erhalten haben – und hat mich darauf hingewiesen, dass ich dies in diesem Rahmen rechtlich nicht fortführen dürfe. Tagesmutter zu sein war auch nicht möglich, da man maximal fünf Kinder betreuen durfte und ich mit meinen Dreien und den weiteren neun die Anzahl der erlaubten Kinder schon klar überschritten hatte.

Hat dies Ihren Ehrgeiz angestachelt, eine Krippe zu gründen?
Zuerst war es ein Schock für mich, es lief gut und dann plötzlich war alles zu Ende. Ich stand vor der Wahl: entweder wieder aufhören oder dann professionell eine Krippe aufziehen.

Kein leichter Entscheid …
Nein, aber ich wollte das Erreichte nicht so einfach aufgeben. Daher habe ich mich dann in die Materie eingelesen, nachgeforscht, was es braucht, welche rechtlichen Voraussetzungen gelten. Vor 25 Jahren war das Wort Krippe noch selten zu hören, es gab noch keine Krippenlandschaft, wie wir sie heute kennen. Am Ende kam ich zum Schluss, dass ich es unmöglich allein aufziehen kann. Für ein Projekt dieser Grössenordnung braucht es eine Firma oder einen Trägerverein.

Wer hat Sie darin bestärkt, diesen Weg zu gehen?
Je mehr ich darüber sprach, desto mehr Personen fanden Gefallen daran. Viele hatten Interesse daran, in Brütten eine Krippe zu haben. Auch in meinem engsten Kreis wurde ich bestärkt, mein bisher Erreichtes nicht aufzugeben, sondern den Weg weiterzugehen. Ich informierte mich weiter über Vereinsgründungen, rechnete anhand eines Budgets die Tragbarkeit einer solchen Krippe mit sämtlichen Auflagen und schrieb ein Pädagogisches Konzept. Als Kindergärtnerin war ich Fachfrau in diesem Thema. Die Gemeinde war offen dafür und konnte sich Räumlichkeiten im alten Bauernhaus an der Unterdorfstrasse vorstellen. So habe ich das Konzept Chrüsimüsi eingereicht und den Verein mit Irene Graven, Lina Hansen und Claudia Knabenhans gegründet. Allerdings war schnell offensichtlich, dass wir für die Startphase eine Defizitgarantie benötigen. Dieses Vorhaben musste dann an die Gemeindeversammlung.

«Für mich war nach zwölf Jahren Schluss – ich habe sehr viel Energie eingebracht und war ausgebrannt.»

Sabine Egli

Kinderthemen sind meistens weniger umstritten – oder täuscht das?
Es täuscht sehr! Ich habe viele Gespräche und Diskussionen geführt im Dorf. Oft hiess es, dass es keine Krippe brauche, nur damit die Hausfrauen mehr Tennis spielen könnten oder länger im Liegestuhl liegen können … ich war schon ein wenig erschüttert. Dass Frauen arbeiten wollen, war noch nicht so weit verbreitet wie heute. An der GV war die Halle voll – alle haben mobilisiert – wir als Befürworter genauso wie die Gegner. An Ende wurde es deutlich angenommen.

Warum eigentlich der Name Chrüsimüsi?
Weil es ein Chrüsimüsi mit Kindern sowieso immer gibt. Ich hatte einen Korb mit verschiedenen Stofftieren drin, den ich Chrüsimüsi nannte. Das färbte dann ab.

Das Chrüsimüsi war geboren und die Arbeit ging wahrscheinlich erst richtig los?
Ich war extrem erleichtert über diesen Entscheid an der GV. Ich habe während eines Jahres gefühlt Tag und Nacht gearbeitet und war einfach hundertprozentig überzeugt, dass es ein Kinderhaus braucht in Brütten. Aber es war kein Selbstläufer. Wir haben vom Vorstand her Werbung gemacht und Personen angesprochen. Die Realität war, dass es schwierig ist, etwas Neues zu etablieren.

Dennoch ist es gelungen, das Kinderhaus zu etablieren.
Nach anfänglicher Mühe ging es Schlag auf Schlag. Wir sind schnell gewachsen und mussten immer wieder neu jonglieren mit dem Betreuungsschlüssel, genügend Mitarbeitenden, Teilzeitarbeitenden und genügend Räumlichkeiten. Es war sehr lebhaft und die ganze Administration habe ich jeweils am Abend und am Wochenende gemacht – es ging schlicht nicht anders, weil ich bei den Kindern gebraucht wurde. Mit Petra Cammarota habe ich früh eine gute Person gefunden, die mich tatkräftig unterstützte und so trugen wir uns gegenseitig. Immerhin hatten wir bereits rund 40 Kinder pro Woche zu betreuen, bildeten Lernende aus und kochten noch selbst für die Kinderschar. Der Kachelofen wurde mit Holz beheizt und wir tüftelten jeweils einen Plan aus im Vorstand, wer wann am Wochenende hingeht und wieder Holz auflegt, damit es am Montag nicht eiskalt war (lacht).

Wie fanden Sie genügend Mitarbeitende?
Wir hatten Mitarbeitende aus allen Richtungen. Es waren meistens Frauen in unterschiedlichen Lebenssituationen, die jedoch dieselben Wertvorstellungen teilten. Aber ich erinnere mich schon noch, wie viele Sitzungen wir hatten, um sich als Team zu finden. Aber das hat wiederum unglaublich Kitt gegeben, weil wir am selben Strick zogen. Hat es irgendwo rumort, haben wir es auf den Tisch gelegt und darüber diskutiert. Daran haben sich alle gehalten.

Heute ist das Chrüsimüsi etabliert und für den Mittagstisch zuständig.
Der Mittagstisch ist mittlerweile Sache der Schule. Doch zwischenzeitlich, nach sieben bis acht Jahren, hatten wir den Mittagstisch auch für die Schule angeboten. Man merkte, dass die ersten Kleinen, welche bei uns waren, nun in die Schule kamen. Nur war das Betreuungsthema damit für die Eltern nicht gelöst, denn die arbeiten immer noch. Für mich war es ein Glücksfall, dass wir dies strukturell übernehmen konnten. Ich sehe es als Bestätigung für die grosse Arbeit, die Zeit und den Krampf, den wir alle – die Mitarbeitenden und der Vorstand – ins Chrüsimüsi gesteckt hatten. Für mich war nach zwölf Jahren Schluss – ich habe sehr viel Energie eingebracht und war ausgebrannt.

«Was einst klein begann, ist heute ein professionell geführtes Kinderhaus mit klaren Strukturen.»

Petra Cammarota

Petra Cammarota: Sie leiten das Chrüsimüsi mittlerweile schon acht Jahre. Was hat sich geändert in der Krippenlandschaft?
Petra Cammarota: Die familienergänzende Betreuung hat sich in den vergangenen 25 Jahren stark verändert und professionalisiert. Was früher noch etwas Neues war, ist heute für viele Familien selbstverständlich geworden. Gleichzeitig sind auch die Erwartungen an Qualität und Betreuung gestiegen. Das Kinderhaus Chrüsimüsi ist mit diesen Entwicklungen mitgewachsen. Unser Ziel ist es, Kindern einen Ort zu bieten, an dem sie sich wohlfühlen, Freundschaften schliessen und sich individuell entwickeln können. Dabei stehen dieselben Werte wie vor 25 Jahren im Mittelpunkt: Geborgenheit, Vertrauen und eine liebevolle Begleitung.

Eine Kinderkrippe ist kein Spielen über Stunden, sondern orientiert sich an klaren pädagogischen Vorgaben. Was kommt da auf Sie zu?
Die Anforderungen an Kindertagesstätten sind heute deutlich umfangreicher als noch vor einigen Jahren. Pädagogische Konzepte, Schutzkonzepte, Qualitätsstandards und regelmässige Überprüfungen gehören zu unserem Alltag. Wir begrüssen diese Entwicklung. Sie trägt dazu bei, dass Familien ihre Kinder mit einem guten Gefühl in unsere Obhut geben können. Hinter all diesen Vorgaben steht ein engagiertes Team, das täglich mit viel Fachwissen, Erfahrung und Herzblut für die Kinder da ist.

Was war für Sie ein bedeutender Meilenstein in den 25 Jahren?
Ein wichtiger Meilenstein war der Umzug an unseren heutigen Standort. Dadurch konnten wir unser Angebot weiterentwickeln und den Bedürfnissen der Familien noch besser gerecht werden. Ebenso prägend war das stetige Wachstum des Kinderhauses. Aus einer kleinen Kinderkrippe ist Schritt für Schritt ein vielseitiges Betreuungsangebot entstanden. Heute begleiten wir Kinder oft über viele Jahre hinweg – vom ersten Krippentag bis zum Ende der Primarschule. Mit dem Wachstum ist auch unsere Organisation gewachsen. Was einst klein begann, ist heute ein professionell geführtes Kinderhaus mit klaren Strukturen, engagierten Mitarbeitenden und Ausbildungsplätzen für die nächste Generation von Fachpersonen. Auch eine eigene Köchin haben wir sowie jemand, der sich um die Finanzen und die Administration kümmert. Darauf sind wir stolz. Dieser Weg wäre ohne das grosse Engagement vieler Menschen nicht möglich gewesen – unserer Mitarbeitenden, des Vorstands, der Gemeinde, der Schule sowie der Familien, die uns seit 25 Jahren ihr Vertrauen schenken.

Wo soll es in Zukunft hin­gehen?
Unser Ziel bleibt, Familien in Brütten auch künftig zuverlässig zu begleiten. Gemeinsam mit der Gemeinde und der Schule möchten wir unser Angebot laufend weiterentwickeln und den Bedürfnissen der Familien anpassen. Dabei möchten wir uns treu bleiben. Das Chrüsimüsi soll auch in Zukunft ein Ort sein, an dem Kinder gerne ihre Zeit verbringen, sich entfalten und mit Freude aufwachsen. Gleichzeitig möchten wir ein attraktiver Arbeitgeber und Ausbildungsbetrieb bleiben. Wenn wir auf die vergangenen 25 Jahre zurückblicken, erfüllt uns vor allem eines mit Dankbarkeit: Aus einer mutigen Idee ist eine etablierte Institution geworden, die heute aus Brütten kaum mehr wegzudenken ist. Dieses Jubiläum ist deshalb nicht nur ein Grund zum Feiern, sondern auch ein herzliches Dankeschön an alle, die das Kinderhaus Chrüsimüsi in den vergangenen 25 Jahren mitgetragen und geprägt haben.

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