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«Das Gefühl, etwas Sinnvolles zu machen»

Monika Bösch, langjährige Präsidentin Chrüsimüsi Brütten, geht in Pension.

Legende 1: Monika Bösch, langjährige Präsidentin des «Chrüsimüsi», im Garten des Brüttener Kinderhauses. (bg)

Monika Bösch, Sie waren vierzehn Jahre lang Präsidentin des Kinderhauses Chrüsimüsi in Brütten – was hat sich in dieser Zeit bei der ausserfamiliären Kinderbetreuung verändert?

Es ist alles viel grösser und professioneller geworden. Das «Chrüsi» ist vor 22 Jahren auf eine private Initiative hin entstanden. Nach rund sechs Jahren Betrieb kam das erste Mal das Jugendsekretariat vorbei für einen Aufsichtsbesuch. Von da an mussten wir alles professionalisieren.

Welche Bereiche mussten Sie konkret angehen?

Das geht von der Rechnung über die Rechte der Mitarbeitenden bis hin zu Verhaltenskonzepten zur Vermeidung sexueller Übergriffe. Kitas haftet manchmal das Vorurteil an, wir würden nur «bäbelen». Dabei sind Kitas heute professionelle Betriebe, in denen alle möglichen Konzepte befolgt werden, von Kosten über Hygiene bis zum Kindswohl. Dabei folgen wir einem pädagogischen Konzept, bei uns ist das «elmar». Auf Wunsch von Schule oder Eltern beobachten wir Kinder sogar gezielt, wenn sie verhaltensauffällig sind.

Gab es schon verhaltensauffällige Kinder, die Sie nicht betreuen konnten?

Tatsächlich gab es einmal einen sehr schwierigen Fall. Dieses Kind hätte eine 1:1-Betreuung gebraucht. Schliesslich haben wir uns mit den Eltern geeinigt, dass sie mehr bezahlen und unseren Mehraufwand so auffangen. Ein Kind ausschliessen mussten wir nur einmal – aber da war der Grund, dass seine Eltern nicht gezahlt haben.

«Heute beaufsichtigt man Kinder nicht nur, man fördert sie auch»

Monika Bösch

Vor welchen Herausforderungen steht man im Bereich der ausserfamiliären Kinderbetreuung sonst noch?

Ein grosses Thema sind die diversen Allergien der Kinder und die Essenswünsche. Manche Kinder sollten halal, koscher, vegetarisch oder vegan essen. Diese Wünsche berücksichtigen wir, soweit es geht. Doch unsere Köchin kocht pro Tag schon 85 Essen, da kann sie nicht noch unzählige Spezialmenüs kreieren. Dazu kommen die Hochallergiker-Kinder. Wir können nicht auf alle Wünsche Rücksicht nehmen. Auch bei Sonderwünschen – dass etwa ihr Kind nur eine bestimmte Zwieback-Sorte möge – bitten wir die Eltern, die-se selbst mitzubringen.

Haben sich in Ihrer Amtszeit die Kinder verändert?

Allergien gab es wohl früher schon, aber heute achtet man mehr darauf. Grundsätzlich glaube ich: Im Innern sind heutige Kinder wie frühere Kinder: Sie wollen einfach spielen und dabei auch dreckig werden dürfen.

Stichwort Fachkräftemangel…

Die Personalplanung ist neben den Allergien die zweite grosse Herausforderung. Kürzlich haben wir sieben Monate gebraucht, um eine freie Stelle zu besetzen.

Andere Kitas behelfen sich mit Praktikanten…

Dazu haben wir vor ein paar Jahren einen Grundsatzentscheid gefällt, dass wir das nicht wollen. Für mich ist das eine Ausbeutung junger Menschen.

Die Kinderhaus-Leiterin Petra Cammarota ist seit Jahren dabei, auch sonst scheint die Fluktuation ungewöhnlich gering. Wie schaffen Sie das?

Vermutlich sind die Teamkonstellation und die Führungskultur bei uns gut. Petra Cammarota ist tatsächlich seit Anfang an dabei, das sorgt für Stabilität. Hier im «Chrüsi» sind wir wie eine Familie. Wir sind keine Krip-penkette, und wir wollen zu keiner gehören.

Wie haben Sie den Umzug von der Unterdorfstrasse an die Brüelgasse erlebt?

Der Umzug war dringend notwendig, weil wir am alten Standort aus allen Nähten geplatzt sind und zum Beispiel nur ein einzi-ges WC für Kinder und Personal hatten. Dass wir in dieses grosse Haus mitten im Dorf zügeln konnten, war der Hammer. Mit dem Umzug sind wir erneut gewachsen und haben mit der Gemeinde einen neuen Betriebsbeitrag abgemacht über 150 000 Franken.

Wie wichtig ist die Unterstützung der Gemeinde?

Die Gemeinde ist wichtig für uns, aber wir sind auch wichtig für die Gemeinde. Oft fragen Eltern zuerst im «Chrüsi» nach einem freien Platz, bevor sie im Dorf nach einer Wohnung suchen. Die Kita im Dorf ist heute ein grosses Bedürfnis für junge Eltern.

Der andere Meilenstein in Ihrer Zeit war die Corona-Zeit.

Corona haben wir sehr gut überstanden, sowohl finanziell wie personell. Die Ausfälle wurden vom Kanton und der Gemeinde bezahlt, und unser Personal ist zum Glück erst gegen Ende der Coronazeit krank ausge-fallen.

Brauchen die Kitas mehr Subventionen?

Schwierige Frage. Klar ist, dass wir kostendeckend arbeiten müssten, dass man das als Kita, speziell eine mit Säuglingsbetreuung, aber nicht schafft. Wir brauchen darum Zusatzbeiträge. Wichtig ist mir, dass wir nicht bei den Personalkosten sparen. Die Betreuerinnen leisten eine wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe.

An welches schöne Erlebnis erinnern Sie sich gern?

Es gab ganz viele schöne Erlebnisse. Ganz klar war die Arbeit als Präsidentin und in der Administration eine Bereicherung für mich. Als Betriebsökonomin habe ich früher bei einer Bank gearbeitet, aber die Arbeit im «Chrüsi» war spannender und befriedigender. Das Schönste war: Ich hatte das Gefühl, etwas Sinnvolles zu machen.

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