Region

Das Leiden der alten Wälder

In den heimischen Wäldern geht es der Hälfte der Bäume nicht gut. Klimawandel, Borkenkäfer und ein Pilz raffen sie dahin. Mit Fällungen versucht das Forstpersonal, die Gefahr durch umstürzende Bäume zu minimieren.

Forstwart Andreas Werda, Lehrling Benjamin Roos und Praktikant Darius Häberling (von links) zeigen auf eine kranke Fichte im Wald zwischen Nürensdorf und Bassersdorf. Im grünem Blätterdach klafft eine grosse Lücke. (bg)

Wenn Revierförster August Erni vom Forstrevier Hardwald Umgebung über den Zustand des Waldes spricht, nimmt er kein Blatt vor den Mund: «Die Situation ist dramatisch. Rund die Hälfte der Bäume ist angeschlagen, krank oder schon tot», sagt er. Sorgenkinder sind vor allem die Buche, Esche, Fichte und die Weisstanne – das sind jene Baumarten, aus denen die hiesigen Wälder zu drei Vierteln bestehen. Die Buche und die Weisstanne leiden speziell unter dem Klimawandel und der Trockenheit.

Rottanne ohne Zukunft

«Ganze Kronenteile sterben deswegen ab», erzählt Erni. Bei längeren Trockenperioden, wie es sie auch im letzten Jahr gegeben hat, verdorren die feinen Wurzeln. Der Baum und das für ihn notwendige Bodenleben brauchen Jahre, um sich davon zu erholen. Ein paar nasse Tage oder auch Wochen würden da nicht reichen.

Noch schlimmer steht es um die Eschen und Fichten. «Die Eschen sind von einem aus Asien eingeschleppten Pilz befallen und sterben zu 95 Prozent ab», sagt Erni. Ihre Wurzeln verfaulen und sie kippen ohne Windeinwirkung plötzlich um. Ähnlich prekär ist die Situation bei der Fichte, auch Rottanne genannt: Auch sie kommt mit den wärmeren Temperaturen und Trockenheitsperioden nicht zurecht.

Darum ist sie geschwächt, wird vom Borkenkäfer befallen und stirbt flächig ab. Momentan macht sie mit einem Drittel noch immer den grössten Teil aller Bäume in den heimischen Wäldern aus. Doch: «Die Rottanne hat bei uns keine Zukunft mehr», stellt Erni fest. Aktuell kommt jetzt noch der nordische Fichtenborkenkäfer dazu, der 2019 erstmals in Mitteleuropa aufgetreten ist. Dieser entwickelt sich bei tieferen Temperaturen als der einheimische und erst noch in kürzerer Zeit.

1641 Bäume gefällt in Bassersdorf

Für den Förster und das Forstpersonal bedeutet diese Entwicklung einiges an Mehrarbeit. «Früher haben wir die Bäume bei Waldplätzen und Erholungseinrichtungen alle fünf bis sechs Jahre kontrolliert. Heute kontrollieren wir alle zwei bis drei Jahre.» Falls nötig, werden die kranken Bäume angezeichnet und aus Sicherheitsgründen geschlagen. So geschehen etwa letzten Herbst in Bassersdorf im Gebiet Chalet/Gerlisberg. Auf 40 Hektaren fällten die Forstarbeiter insgesamt 1641 Bäume, das entspricht 41 Bäumen pro Hektar. Bei manchen Waldbesuchern hätte dieser massive Holzschlag Unverständnis und harsche Worte an die Forstarbeiter ausgelöst. «Unsere Mitarbeiter müssen sich manchmal viel anhören», bedauert Erni. Dabei werde in der Schweiz der Wald seit über einem Jahrhundert nachhaltig bewirtschaftet, anders etwa als in Kanada, Neuseeland oder vielen anderen Ländern, betont er. «Wir nehmen nicht mehr hinaus, als nachwächst – ausser die Natur zwingt uns dazu wegen Sturmschäden oder Schädlingsbefall.»

«Klimawandel massiv spürbar»

Der Wandel im Wald passiere schleichend, aber im Rückblick gleichzeitig rasend schnell. Als Erni vor über 35 Jahren als Förster zu arbeiten begann, galt die Rottanne als «Geldbaum», weil sie anspruchslos war und schnell wuchs. Dementsprechend grossflächig wurde sie angebaut. Mittlerweile ist sie ein Auslaufmodell: «Die Rottanne ist die Swissair-Aktie unter den Bäumen – von wertvoll zu nutzlos», so Erni.

Als Ersatz dafür setzte man vor zehn Jahren noch auf Buche und Weisstanne, aber auch da habe man mittlerweile realisiert, dass sie mit den neuen Bedingungen schlecht zurechtkämen. «Im Wald spürt man den Klimawandel massiv», betont Erni. Schädlinge zum Beispiel breiten sich viel leichter aus, weil ihre Larven die milden Winter überstehen. Beispiele sind Borkenkäfer oder der Eichenprozessionsspinner, dessen Brennhaare allergische Reaktionen auslösen. Im vergangenen Monat musste die Hälfte einer Schulklasse aus dem Baselbiet teils per Rega ins Spital eingeliefert werden nach dem Kontakt mit dem Eichenprozessionsspinner; der Fall hatte schweizweit für Aufsehen gesorgt.

Auch invasive Neophyten wie etwa der Kirschlorbeer seien bis Ende des 20. Jahrhunderts kein Thema gewesen, weil sie im Winter erfroren sind und keine Früchte ausbildeten. «Heute breitet er sich in den Wäldern aus. Würden wir ihn nicht bekämpfen, hätten wir riesige Flächen davon.» Die Neophyten schaden dabei nicht nur der Artenvielfalt, sondern sie verhindern mit dem dichten Bewuchs auch die Verjüngung des Waldes und erschweren die Nutzung als nachwachsende Rohstoffquelle. Diese Entwicklung hat Folgen für die Holzindustrie. «Mit dem Klima verändern sich die Holzarten und die Verbreitung der Baumarten», sagt Marco Schäuble, Geschäftsführer der Kambium Holzbau AG in Bassersdorf. «Es kommen neue Holzarten auf den Markt; etwa Spanplatten aus Restholz. Früher wurde viel mehr reine Buche, Eiche oder Kirsche verwendet.»

Zukunftsbäume pflanzen

Wenn der Wald künftig nutzbar sein soll, bleibt den Waldbesitzern mittelfristig nur eines: ausweichen auf andere Bäume. In Frage kommen Bäume aus Gegenden mit wärmerem und trockenerem Klima, wie etwa Kroatien, Südtirol oder das Rhonetal, nennt Erni Beispiele. Als Zukunftsbäume gelten derzeit die Traubeneiche, die Edelkastanie und die Hopfenbuche aus wärmeren Gebieten der Schweiz sowie der Nussbaum, die Ungarische Eiche oder der Baumhasel, bisher in Süd- und Südosteuropa heimisch. Neben diesen Neulingen setze man weiter auf traditionelle Arten wie Feld- und Spitzahorn, die sich als robust erwiesen hätten. Aktuell wachsen im Forstrevier Hardwald rund 40 Baumarten. «Je breiter das Angebot ist, desto mehr Chancen haben wir, dass der Wald in einer ähnlichen Form überlebt», sagt Erni.

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