Region

Die Bauern sind nervös

Weshalb fast alle Landwirtinnen und Landwirte Nein zu den Agrarinitiativen sagen, zeigt eine Umfrage in den dorfblitz-Gemeinden.

Ueli Brunner in einem seiner Kirschenfelder in Bassersdorf. Er sagt: «Ohne Pestizide geht es noch nicht.» (zvg)

Der Äntschberghof ist bekannt für seine Kirschen. Bauer Ueli Brunner erzählt, seine Früchte behandle er mit Effektiven Mikroorganismen und Steinmehl – zwei aus der Natur gewonnenen Produkten. Einmal pro Jahr setzt er hingegen ein synthetisches Pestizid ein: Es heisst Audienz und wird zur Bekämpfung der Kirschessigfliege gebraucht. «Wir arbeiten auch mit Fallen und Netzen, aber das reicht nicht. Ohne dieses spezifische Pestizid hätte ich massive Ernteausfälle», sagt der nach ökologischem Leistungsnachweis produzierende Brunner. Audienz wurde jüngst bis Ende Oktober 2021 auch für Bio-Suisse-Betriebe zugelassen, weil die Kirschessigfliege solch grosse Probleme verursacht.

Zu radikal

Wenn am 13. Juni das Stimmvolk die Pestizidinitiative annimmt, wird Audienz nach der Übergangsphase in spätestens zehn Jahren verboten sein. Genauso wie alle anderen synthetischen Pestizide – also chemische Verbindungen, die in der Natur nicht vorkommen und im Labor hergestellt werden. Die Initianten wollen damit Ökosysteme und die Gesundheit der Menschen schützen. Auch die Trinkwasser-Initiative, über welche ebenfalls im Juni abgestimmt wird, will den Einsatz von Pestiziden massiv reduzieren.

So wirbt der Bauernverband für ein doppeltes Nein. (sbv-usp.ch)

Die meisten Bauern aus den dorfblitz-Gemeinden lehnen die Initiativen entschieden ab und sagen ähnlich wie Brunner: «Die Initiativen sind viel zu radikal und für die Konsumenten ein Eigentor.»

Der dorfblitz führte im Vorfeld der beiden Initiativen eine anonyme Online-Umfrage unter den Landwirtinnen und Landwirten der Region durch. 14 Bauern füllten die nicht repräsentative Umfrage aus. Die Meinungen sind gemacht: Alle Teilnehmer sagen «Nein» zur Trinkwasser-Initiative und 13 lehnen die Pestizid-Initiative ab. Eine Stimme war sich bei der Pestizid-Initiative noch unsicher. Es ist dasselbe Bild, das man erhält, wenn man auf die Felder der Region schaut: Plakate gegen die «extremen Agrarinitiativen» sind omnipräsent. Doch woher kommt der Widerstand der Bauern?

Ueli Künzi aus Brütten führt einen Ackerbaubetrieb mit ökologischem Leistungsnachweis. Seine Ablehnung ist deutlich: «In erster Linie wird mit Schlagwörtern wie ‹Trinkwasser› und ‹Pestizid› Angst verbreitet, auch in den Medien. Unser Trinkwasser ist von ausgezeichneter Qualität. Deshalb sollten wir ihm weiterhin Sorge tragen. Es muss den Konsumenten bewusst sein, dass wohl jeder Bauer den Einsatz chemischer Hilfsstoffe bereits zu minimieren versucht und der Umwelt Sorge trägt.» Und weiter: «Der Bund schafft dank Direktzahlungen genügend Anreize, um den Pestizideinsatz zu reduzieren. Unsere angebauten Produkte werden ebenfalls immer resistenter und brauchen weniger Pestizide. So kann ich zum Beispiel bei den Zuckerrüben auf mehrere Durchfahrten mit der Pflanzenschutzspritze verzichten.» Beide Initiativen sind für ihn nicht umsetzbar.

So werben die Initianten der Pestizid-Initiative. (lebenstattgift.ch)

Mehr Importe

Zur Pestizidinitiative sagt er: «Pestizide könnten zwar in der Schweiz verboten werden. Es ist aber unwahrscheinlich, dass auch alle Importe ohne synthetische Pestizide hergestellt werden. Und eine Kontrolle scheint mir da unmöglich. Statt einer ‹Hauruckaktion› sollten wir weiterhin kontinuierlich den Einsatz der Pestizide reduzieren.» Er hält es für unrealistisch, dass bis zum Verbot von Pestiziden in zehn Jahren die Pflanzenzüchtung und die Anbaumethoden einen kompletten Verzicht ermöglichen. Künzi ist davon überzeugt, dass einheimische Produkte teurer werden und Einkauftourismus und Importe durch ein Ja zunehmen – und diese Produkte weiterhin Pestizide enthalten werden.

Auch die Trinkwasser-Initiative hält er für kontraproduktiv. Diese fordert, dass Betriebe, welche Pestizide oder regelmässig Antibiotika einsetzen, keine Subventionen mehr bekommen. Weshalb die Initiative der Biodiversität zum Teil sogar schaden könnte, erläutert Jennifer Prader. Die Brüttenerin betreibt mithilfe ihres pensionierten Vaters konventionellen Ackerbau und hält Pensionspferde. Heute bewirtschaftet Prader gut zehn Prozent ihrer Flächen als Ökoflächen mit strengeren Regeln, zum Beispiel darf dort der erste Schnitt erst später im Jahr erfolgen. Dafür bekommt sie mehr Subventionen. Entscheidet sich Prader nach einem Ja zur Trinkwasser-Initiative, weiter Pestizide zu nutzen, bekäme sie auch für diese Flächen keine Direktzahlungen mehr. Diese Biodiversitätsflächen würden dann wohl verschwinden und als normale Ackerflächen gebraucht, weil sie mehr Ertrag liefern.

Unklarer Initiativtext

Der grösste Kritikpunkt an der Trinkwasser-Initiative kommt von den meisten Bauern der Umfrage einstimmig: Der Initiativtext sieht vor, dass ein Hof kein Futter zukaufen darf, sonst werden alle Direktzahlungen gestrichen. Die Umsetzung wäre wohl nicht so streng wie der Text, Futterzukäufe aus der Schweiz blieben wahrscheinlich erlaubt, wie die Initianten klar machten. Ueli Künzi stellt dies nicht zufrieden. «Dann sollte die Initiative mit neuem Text neu lanciert werden. So ist sie schlicht nicht umsetzbar, weil gerade Fleischproduzenten oft auf Zukäufe angewiesen sind.»

«Vielleicht ist es auch ein bisschen wie mit Corona: Nur wer muss, findet schnell neue Lösungen.»

Anonymer Bio-Bauer

Sogar der Dachverband Bio Suisse lehnt die Trinkwasser-Initiative ab, sagt aber Ja zur Pestizid-Initiative. Doch auch Bio-Bauern aus der dorfblitz-Umfrage lehnen beide Vorlagen ab und folgen damit nicht der Empfehlung von Bio Suisse.

Anonymer Bio-Bauer

Dann ist da aber auch noch ein Bio-Bauer, der lieber anonym bleiben möchte. Er baut vor allem Gemüse an, verzichtet bereits auf Pestizide und ist deshalb von den Initiativen weniger stark betroffen als der Ackerbau oder die Tierhaltung. «Es ist eine Zwickmühle. Und es ist völlig verständlich, dass die direkt betroffenen Bauern Nein sagen. Ich denke aber, dass noch immer zu viele Pestizide eingesetzt werden und sich etwas ändern muss. Die Trinkwasser-Initiative ist mir aber zu radikal, weil einige Bauern schlicht auf Futterzukauf angewiesen sind. Bei der Pestizidinitiative bin ich mir noch unsicher. Ich glaube, dass durch ein Ja zur Initiative ein Innovationsschub in der natürlicheren Schädlingsbekämpfung möglich wäre. Man muss sich aber bewusst sein, dass es alltägliche Produkte wie Kartoffeln oder Tomaten ohne Pestizide noch schwer haben werden. Das Sortiment wird sich sicher verändern.»

Klar scheint in der unübersichtlichen Situation nur: Sollte zumindest eine Initiative angenommen werden, rumpelt es im Agrarsektor gewaltig. Zwei Betriebe schrieben in der dorfblitz-Umfrage gar von Existenzängsten und davon, dass sie ihre Höfe wohl aufgeben müssten.

Ueli Brunner vom Äntschberghof sagt: «Man muss viel mehr Geld in die Forschung von alternativen Schädlingsbekämpfungs-Methoden investieren. Aber der Ackerbau, also gerade auch die vegetarische und vegane Ernährung, ist heute noch auf Pestizide angewiesen. Wer das ganze Bild sieht, stimmt Nein.» Ueli Künzi fasst zusammen: «Die Initiativen sind ein frontaler Angriff auf unsere tägliche Arbeit. Wer uns Bauern vertraut, der stimmt zweimal Nein.»

Jennifer Prader sagt: «Ich bin für einen Mittelweg und meiner Meinung nach ist der Bund mit seinen Massnahmen auf einem guten Weg dorthin. Deshalb zweimal Nein, weil die Initiativen zu radikal sind.» Nur der anonyme Bio-Bauer lässt etwas mehr Spielraum: «Vielleicht ist es auch ein bisschen wie mit Corona: Nur wer muss, findet schnell neue Lösungen. Vielleicht sollten wir uns fragen, ob wir einfach so weitermachen wollen wie bisher, oder ob uns ein Ja zur Pestizid-Initiative auch ermöglicht, auszubrechen und weiterzudenken.»

«Konsumverhalten ändern» – und andere Argumente

Es schien, als seien sämtliche Kommunikationswege zu den politischen Parteien stillgelegt worden. Zuerst wollte sich niemand öffentlich zu den bevorstehenden Abstimmungen äussern. War der befürchtete Gegenwind aus dem Agrarsektor der Grund dafür?

Die SP Bassersdorf und ein EVP-Mitglied stellten sich schliesslich unseren Fragen. SP-Co-Präsident Adrian Hediger begründet in Absprache mit seiner Ortspartei, weshalb die Abstimmenden die Agrarinitiativen annehmen sollen: Es sind die bereits bekannten Ja-Argumente wie die Bedrohung des Trinkwassers und der Biodiversität, wenn weiter Pestizide eingesetzt werden.

Dieser Meinung ist auch Susi Schifferle (EVP) aus Bassersdorf. Dennoch bringt sie ein gewisses Verständnis für die Landwirte mit. Es sei verständlich, dass es Unsicherheiten schaffe, wenn «der Schalter umgelegt» werde, sagt auch die SP. Aber technisch sei eine Landwirtschaft ohne den Einsatz von synthetischen Pestiziden bereits heute möglich und dies werde heute schon von diversen Schweizer Produzenten bewiesen. Die Übergangsfrist von zehn Jahren helfe, damit die Umsetzung praktikabel sei. Und Susi Schifferle sagt: «Es ist in jedem Beruf schwierig, neue Herausforderungen anzunehmen. Daher kann ich auch die Angst der Bauern nachvollziehen. Ich verstehe aber die Argumentation des Bauernverbandes trotzdem nicht. Dieser müsste doch seine Mitglieder für eine Umstellung motivieren.»

Betreffend der befürchteten Preiserhöhung für Lebensmittel sagen die örtliche SP wie auch Susi Schifferle, dass ein Teil der Lösung in der Veränderung des Konsumverhaltens liege. Statt Geflügel, Schwein und Eier sollte man in Zukunft mehr Rindfleisch und Gemüse konsumieren. Diese Produktionen würden auch ohne Futterzukauf funktionieren. Parallel dazu könnte man auch die Qualitätsansprüche an die optische Perfektion von Obst und Gemüse reduzieren. So fände auch die Ware mit kleinen Oberflächenmakeln einen Absatz. (ar)

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