Region

«Jeder Trittsteingarten ist ökologisches Gold wert»

Wildbienenexperte Jürg Sommerhalder fand in Bassersdorf seltene Wildbienen. Im Interview mit dem dorfblitz spricht er über seinen Fund.

Jürg Sommerhalder, Sie haben in Bassersdorf 137 Wildbienenarten gefunden – ist das ein gutes Zeichen für die lokale Wildbienen-Dichte?

Jein. Die Anzahl festgestellter Arten ist insofern als gut zu taxieren, als sie bedeutet, dass die Gemeinde Bassersdorf einfach sehr gut kartiert ist. Zwar wurden tatsächlich deutlich mehr Arten nachgewiesen als in den meisten Gemeinden des Kantons – in Brütten zum Beispiel kamen wir nur auf etwas über 80 Arten. Aber dort wurde der Fokus auf den Siedlungsraum gelegt, Naturschutzobjekte wurden nur wenige untersucht.

Entsprechen die Funde Ihren Erwartungen?

Nein. Meine Erwartungen sind oft unerfüllbar hoch. Es hätten gern mehr Arten der Roten Liste sein dürfen.

Wie ordnen Sie die Resultate generell ein?

Ich habe drei Arten der Roten Liste festgestellt, sowie sieben weitere, die auf der Vorwarnliste stehen. Diese Zusammensetzung der Bassersdorfer Wildbienenfauna entspricht in etwa dem, was man im Mittelland erwarten darf. Zudem war der Sommer 2024 ziemlich verregnet. In einem besseren Bienenjahr wäre wohl die eine oder andere Art hinzugekommen.

Was bringt eine Wildbienen-Kartierung der Gemeinde?

Das Bieneninventar ist mit seinen konkreten Empfehlungen ein starkes Instrument für die Gemeinde, um ihrem Naturschutzauftrag nachzukommen. In Brütten, wo die Inventarisierung schon 2021 stattfand, wurden in der Folge drei oder vier Flächen spezifisch für Wildbienen aufgewertet. Ob dies auch Bassersdorf tut, bleibt der Gemeinde überlassen. Ich gehe aber davon aus, dass der NBN dafür sorgen wird, dass das Thema kein Papiertiger wird.

Was kann ich als Privatperson damit anfangen?

Die Bieneninventare fliessen in den bee-finder.ch ein und unterstützen Private bei der Umsetzung von Fördermassnahmen in Gärten, auf Balkonen, Terrassen und begrünten Dächern.

Wo haben Sie besonders viele Wildbienen gefunden?

Im Siedlungsraum – er ist mit seinem Blüten- und Strukturreichtum längst bekannt als idealer Rückzugsort für Wildbienen. Das hat sich auch in Bassersdorf gezeigt.

Tatsächlich fällt auf, dass Sie im Landwirtschaftsland keine Wildbienen fanden …

Der Landwirtschaftsraum ist in unseren Breiten meistens eine entomologische Einöde. Da nützen auch Blühstreifen wenig, wenn sie isoliert stehen. In Bassersdorf wurde das Kulturland deshalb gar nicht kartiert, die periphere Erhebung fokussierte auf Naturschutzobjekte.
Wenn Sie die drei Gemeinden Bassersdorf, Nürensdorf und Brütten vergleichen – wo hat es am meisten Wildbienen?
Jede Gemeinde hat ihre Spezialitäten. So habe ich etwa in Brütten eine für den ganzen Kanton spektakuläre Art gefunden, mit der niemand gerechnet hätte. Andererseits stellte ich in Bassersdorf Arten der Roten Liste fest, die ich in keiner der umliegenden Gemeinden fand.

Wo liegen generell die Wildbienen-Hotspots?

Intakte Lebensräume sind der Schlüssel. Wir müssen mehr Mut zur natürlichen Unordentlichkeit haben: Zum Beispiel Wald, in dem gestürzte Bäume verrotten dürfen. Ein toter Baum bietet über 1000 holzzersetzenden Arten Lebensraum! Bienenfreundlich sind auch natürliche Landschaften mit verdorrten Karden und Disteln oder Ast- und Steinhaufen. Weitere Hotspots sind die Ufer von Bächen und Flüssen, die mäandern dürfen, sowie Sand- und Kiesgruben. Sie beheimaten oft seltene Pflanzen- und Tierarten, darunter viele bedrohte Bienen.

Inwiefern sind «Trittsteine» wichtig für die Wildbienen?

Sie sind in unseren gezähmten Landschaften unabdingbar. Wildbienen haben oft sehr kleine Flugradien. Um sich verbreiten zu können, aber auch für den genetischen Austausch mit benachbarten Populationen, sind Trittsteine enorm wichtig.

Hat es genug Trittsteingärten?

Es kann nie genügend Trittsteine geben. Sie haben die Funktion, fragmentierte ökologische Flächen wieder zu vernetzen. Jeder zusätzliche Trittstein ist ökologisches Gold wert.

Bassersdorf und Brütten haben Wildbienen kartieren lassen – und Nürensdorf?

Leider hat die Gemeinde Nürensdorf die Schaffung eines Wildbienenkatasters mit der Begründung abgelehnt, dass Brütten und Bassersdorf bereits einen hätten und man daraus Aufwertungen in Nürensdorf ableiten könne. Diese Argumentation halte ich für falsch.

Warum?

Nehmen wir als Beispiel die Langobarden-Furchenbiene: Diese anspruchsvolle Art konnte ich in meinem Nürensdorfer Garten nachweisen; sie wurde aber bislang weder in Brütten, Bassersdorf, Lindau noch Kloten festgestellt. Um die Untätigkeit der Gemeinde wenigstens in kleinen Teilen zu kompensieren, habe ich dem NBN zugesichert, ehrenamtlich unsere lokalen Trittsteingärten zu kartieren. Die ersten Resultate dürften zu Beginn des nächsten Jahres im bee-finder.ch zur Verfügung stehen.

Diesen Artikel können Sie liken!