Region

Der kleine Engel Merri besucht das dorfblitz-Gebiet

Der kleine Engel Merri stattet dem dorfblitz-Gebiet nach einer mehrjährigen Pause wieder einen weihnächtlichen Besuch ab. Sie staunt über die vielen baulichen Veränderungen und trifft im Eigental auf ein seltsames Tier.

Merri, der kleine Engel, der zur Weihnachtszeit jahrelang in der dorfblitz-Region seine Weihnachtsmission erfüllte, war in den vergangenen Jahren in anderen Weltgegenden unterwegs. Denn wegen der diversen Krisen auf der Welt leiden auch die Engel unter Fachkräftemangel, und so müssen sogar schon kleine Engel wie Merri bei den grossen Engeln aushelfen. Merri wurde abgezogen, um nach den Überschwemmungen in Spanien den dortigen Menschen Trost zu spenden, und um den Menschen nach den Waldbränden in Kanada oder dem Erdbeben in der Türkei wieder einen Funken Hoffnung zu schenken.

Dieses Jahr hätte sie nach Texas reisen sollen, weil dort bei einer Flutkatastrophe im Sommer viele Menschen, darunter viele Kinder, ums Leben kamen. Doch als geschlechtlich diffuses Wesen bekam Merri kein Visum für die USA. Ein bisschen verletzt entschied sie sich darauf, wieder einmal ihrem geliebten dorfblitz-Gebiet einen Besuch abzustatten. Die Region gilt unter Engeln als Anfänger-Gebiet, da es den Menschen da recht gut geht und die Gegend weder von Waldbränden, Hurrikans oder Fluten heimgesucht wird. Für Merri kam das gerade recht, denn auch Engel brauchen einmal eine Pause von den grossen Sorgen auf der Welt. Also Bassersdorf, Nürensdorf und Brütten statt Texas? Das passte.

Lächelnd und voller Vorfreude setzt Merri auf dem Brüttener Buck zu einer sanften Landung an. Hier muss sie immer etwas aufpassen, damit sie nicht gesehen wird, weil dieser Aussichtspunkt von so vielen Leuten und manchmal sogar lauten Töfflibuben besucht wird. Jetzt ist es aber kalt und dunkel und die Menschen vermutlich alle daheim in der warmen Wohnung am Guetzli-Backen. Mmmh. Merri freut sich jetzt schon auf die Guetzli, von denen sie hoffentlich am Bassersdorfer Chlausmärt unbemerkt ein paar Brösmeli abknabbern kann. Aber was ist das denn? Neben ihrem Landeplatz steht eine riesige Holzschaukel. Juchzend fällt sie hinein und schaukelt ein paar Runden mit Blick auf die funkelnden Lichter des Zürcher Unterlands und die blinkenden Flugzeuge, die alle paar Minuten am Himmel vorbeiziehen.

Aber los jetzt. Sie sollte nicht so viel trödeln, das sagen ihr die grossen Engel immer wieder. In Brütten saust sie einmal um den Kirchturm herum, überfliegt staunend die neuen Wohnblöcke im Süden des Dorfes und startet dann südwärts Richtung Nürensdorf. Brütten braucht ihre Hilfe nicht, das haben ihr schon die beiden Aliens Siaticus und Branta versichert, die dieses Jahr die Abendunterhaltung des Turnvereins besucht hatten. «Die Brüttener haben schon genug guten Spirit», haben die beiden erzählt.

Als Merri nun über Nürensdorf kurvt und das dortige Ebnet-Schulhaus überfliegt, läuten die Glocken bei ihrem Alarmsystem. Tatsächlich – hier scheinen die Menschen Bedarf nach Harmonie und guten himmlischen Schwingungen zu haben. Merri spürt Streit in der Luft, Missverständnisse, Kommunikationsprobleme. Sie seufzt. Menschen schaffen es wirklich überall, Probleme zu haben oder selbst welche zu kreieren. Sie nimmt ihre ganze Kraft zusammen, denkt an etwas Schönes und fliegt sechs Kurven linksherum über das Ebnet für mehr Liebe und dann sieben Kurven rechtsherum für mehr Harmonie. Six, seven, so wie sie es gelernt hat. Mit jedem Überflug lässt sie die guten Schwingungen auf das Ebnet niederfliessen, die sich wie eine Umarmung um die ganze Anlage legen. So, das sollte jetzt aber reichen.

Merri fliegt weiter Richtung Bassersdorf. In Nürensdorf sollen manchmal Balkone herumfliegen, hat sie gehört, darum möchte sie diesen Luftraum rasch verlassen. Aber die Ebnet-Segnung hat sie so viel Kraft gebraucht, dass sie ins Trudeln gerät, vom Kurs abkommt, Richtung Nord-Westen abdriftet und im Eigental landet. Erschöpft lässt sie sich zu Boden fallen, um an diesem Ort wieder aufzutanken. Während sie auf dem Waldboden zwischen eingebuddelten Kröten und Fröschen liegt, taucht plötzlich ein seltsames Tier auf mit zotteligem, bräunlichem Fell und einem fast dreieckigen Schädel. So etwas Seltsames hat Merri in der dorfblitz-Region noch nie gesehen. Es erinnert sie an die Murmeltiere, die sie beim Überfliegen der spanischen Pyrenäen gesehen hat. Aber Murmeltiere in Nürensdorf? Bevor Merri nachfragen kann, buddelt sich das Wesen auch schon wieder ein.

Neue Tiere, neue Gebäude – Merri staunt, wieviel sich in den fünf Jahren seit ihrem letzten Besuch verändert hat. Am Dorfeingang von Bassersdorf fliegt sie über eine ebenfalls neue Siedlung namens Oase. Ist Bassersdorf zu einer Wüste geworden? Nein, der Dorfbach plätschert immer noch vor sich hin, und auch die Gärtnerei Zweerus, die nun Martins Blumenwelt heisst, bietet nicht nur Kakteen an. Merri ist beruhigt. Und etwas anderes gefällt ihr auch: Es hat wieder mehr Leute unterwegs. Bei ihrem letzten Besuch in Bassersdorf vor fünf Jahren waren sich die Menschen aus dem Weg gegangen und hatten weisse Stoffe um Mund und Nase gehüllt. Merri grübelt. Irgendetwas war damals gewesen; irgendein Virus. Sie mag sich dunkel erinnern, dass der Virus wie eine Biermarke hiess. Etwa Schlossbraui-Virus? Da fällt es ihr wieder ein: Corona-Virus. Zum Glück scheint diese düstere Zeit vorbei zu sein. Apropos vorbei: Als sie endlich beim Dorfplatz ankommt, stellt sie fest: Der Chlausmärt ist schon zu Ende. In der Luft hängt zwar noch eine Duftschwade von Ponyschweiss, Risotto und Glühwein, aber die Stände werden bereits wieder abgebaut. Himmel! Sie hat wieder zu lange getrödelt. Also doch keine Guetzli-Brösmeli.

Dafür hat sie nun Zeit, sich umzuschauen – und sie stellt fest: die leuchtenden Kübel an den Strassenlaternen sind weg. Die Bassersdorfer Weihnachtsbeleuchtung, über die sie immer so viele Leute lästern gehört hat, ist nicht mehr da. Hmmm! Ob es den Leuten so lichterlos jetzt besser gefällt? So ganz wird Merri die Menschen nie verstehen. Dafür leuchten bei einem «Hüsli» im Zentrum die liebevoll dekorierten Fenster. Merri spürt förmlich, dass hier mit viel Herzblut gearbeitet wurde. Sowas gefällt ihr.

Sie linst in das eine oder andere Haus hinein und sieht viele zufriedene Menschen. Und wo immer sie auf Trauer oder Ärger stösst, ballt sie ihre Fäustchen, schliesst die Augen und versucht, ganz viel gute Energie zu generieren und Hoffnung zu wecken und Trost zu spenden. Doch im Grossen und Ganzen ist sie beruhigt: Den Menschen im dorfblitz-Gebiet scheint es mehrheitlich gut zu gehen.

Da kann sie also entspannt wieder zurückfliegen in den Himmel. Doch zuerst schlendert sie noch kurz hoch zum Aussichtspunkt Ratzenhalden, um von den dortigen Holzliegen nochmals auf ihre Lieblingsregion zu blicken und allen Menschen in der dorfblitz-Region von Herzen schöne Weihnachten zu wünschen. Dann schwebt sie zurück in den Himmel, mit einem glücklichen Lächeln im Gesicht.

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